Die wichtige Kunst des alleine seins

alleine sein 2Alleine sein ist für die meisten Menschen in etwa so angenehm wie eine Wurzelbehandlung ohne Narkose. Es gibt sogar Menschen, die sich freiwillig Elektroschocks geben, um sich vom alleine sein abzulenken.[1] Und ich dachte, ich bin seltsam…

Alleine sein ist eine verlorene Kunst. Wir sind ständig mit anderen Menschen und der Welt verbunden. Facebook, WhatsApp, E-Mails, Fernseher und Co. machen es möglich. Während reale Menschen in der realen Welt versuchen, mit uns ein reales Gespräch zu führen, schielen wir auf unser Smartphone. Es könnte schließlich wichtig sein…

Doch das alleine sein fällt vielen Menschen nicht nur schwer, weil es immer und überall Ablenkung gibt, sondern auch, weil sie alleine sein und Einsamkeit für dasselbe halten. Doch damit liegen sie genauso daneben, wie die Vorrausage des Weltuntergangs am 21 Dezember 2012.

Alleine sein impliziert keine Einsamkeit. Ich kann alleine einen Waldspaziergang machen und eine tiefe Verbindung zu geliebten Menschen spüren. Ich kann mich aber auch in einem Raum voller Menschen befinden und wie der einsamste Mensch auf Erden fühlen.

Ich habe in meinem Leben relativ viel Zeit alleine verbracht. Ich bin viel alleine gereist und manchmal verbringe ich mehrere Tage vor meinem Rechner, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Trotzdem fällt es mir schwer, alleine zu sein.

Doch wenn es uns schwer fällt und es sich häufig nicht gut anfühlt, warum sollten wir dann überhaupt alleine sein?

Hier sind zwei gute Gründe, um uns im alleine sein zu üben:

  1. Wir lernen uns selbst besser kennen. Die wichtigsten Erkenntnisse über mich und mein Leben hatte ich, als ich alleine war. Alleine sein ist einer der besten Wege, uns selbst besser kennenzulernen und herauszufinden, was in unserem Leben von Bedeutung ist.
  2. Wir stärken unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Indem du lernst, alleine zu sein, verbessert sich die Beziehung zu dir selbst und dadurch auch die Beziehungen zu anderen: zu deiner Familie, deinen Freunden, deinem Partner und ja, auch zu deinem Teddybär.

Im Folgenden möchte ich auf die beiden Vorteile des alleine seins ein bisschen genauer eingehen.

1. Durch das alleine sein lernst du dich selbst besser kennen

Menschen sind soziale Wesen. Es tut uns gut, von Familie und Freunden umgeben zu sein – zumindest von manchen Freunden und manchen Familienangehörigen. Doch die Menschen, die uns umgeben, haben auch einen großen Einfluss auf unsere Einstellung, unsere Glaubenssätze und unsere Entscheidungen.

Erst wenn wir uns selbst zuhören, finden wir heraus, was unsere Bedürfnisse sind und was wir wollen. Wenn wir alleine sind und uns selbst Aufmerksamkeit schenken, treten Gedanken und Emotionen hervor, die sonst im Verborgenen liegen. Das kann erst mal erschreckend sein. Aber keine Sorge, letztendlich haben wir alle eine kleine Meise.

Es ist gut möglich, dass Gedanken und Emotionen auftauchen, die du ansonsten unwissentlich verdrängt hast:

  • Eigentlich gefällt mir mein Beruf gar nicht.
  • Liebe ich meinen Partner wirklich oder sind wir nur noch aus Gewöhnung zusammen?
  • Bin ich mit mir selbst und meinem Leben zufrieden oder wird es durch meine Ängste und Erwartungen anderer bestimmt?
  • Macht mir jede Woche shoppen Spaß oder renne ich vor etwas davon?

So wie du einen anderen Menschen besser kennenlernst, indem du mehr Zeit mit ihm verbringst, wirst du dich selbst besser kennenlernen, wenn du mehr Zeit alleine verbringst. Und genau davor haben viele Menschen Angst.

Als ich letztes Jahr sechs Wochen in Lissabon lebte, verbrachte ich viel Zeit alleine. Ich hatte einige schwierige Wochen, doch dort wurde mir bewusst, dass es mich einengt und beschränkt, nur über das Thema Dating zu schreiben. Einige Wochen später fing ich an, auch über andere Lebensbereiche zu schreiben.

Gerade wenn bei dir große Entscheidungen anstehen, ist es wichtig, dass du mehr Zeit alleine verbringst und in dich gehst. Nur so wirst du den ganzen äußeren Lärm abstellen und merken, was dich bewegt und was dir wichtig ist.

2. Durch das alleine sein stärkst du deine Beziehungen zu anderen

Die Qualität unserer Beziehungen zu unseren Mitmenschen hängt von der Qualität der Beziehung zu uns selbst ab. Respektierst und liebst du dich selbst, werden dich auch andere respektieren und lieben.

Viele Menschen suchen leider nach Bestätigung und Anerkennung von anderen. Sie haben ein Selbstbild, das so stabil ist, wie ein Kartenhaus auf einem Wackelpudding. Sie unterdrücken die eigenen Bedürfnisse und verbiegen sich, da sie von anderen gemocht, geliebt oder respektiert werden wollen.

Bist du hingegen fähig, dir diese Bestätigung und Anerkennung selbst zu geben, wird es dir leichter fallen, ehrlich und authentisch zu sein und dadurch tiefe emotionale Beziehungen zu den richtigen Menschen aufzubauen.

Indem du Zeit alleine verbringst merkst du, dass du gar nicht alleine bist. Auch wenn es ausgelutscht und klischeehaft klingt, du selbst kannst dir dein bester Freund sein. Du selbst kannst dir die Nähe, Respekt, Anerkennung und Bestätigung geben, die du so sehr von anderen möchtest. Und dadurch wirst du intensivere und schönere Beziehungen zu dir selbst wie auch zu anderen führen.

Allein sein: ein paar Ideen

Hier einige Aktivitäten, die du sich gut zum alleine sein üben eignen:

  • Gerade in der Natur zu spazieren ist super, um ein wenig abzuschalten und in dich zu kehren.
  • Alleine Kaffee trinken gehen. Bummle durch die Stadt und setzt dich ein Café, was dir gefällt. Lass das Smartphone in der Tasche und beobachte die Umgebung, andere Leute und deine eigenen Gedanken und Emotionen.
  • Zuhause mal nichts machen. Zuhause gibt es viele Ablenkungen: Essen, PC, Bücher, Fernsehen. Mache es dir auf der Couch bequem und versuche, 30min. nichts zu machen.
  • Alleine verreisen. Für Fortgeschrittene. Mache ein Wochenendtrip in eine Stadt die dir gefällt. Du wirst überraschend sein, wie schön es sein kann, alleine einen neuen Ort zu entdecken.

[1] Wilson, T., Reinhard, D., Westgate, E., Gilbert, D., Ellerbeck, N., Hahn, C., Brown, C. & Shaked, A. (2014). Just think: The challenges of the disengaged mind. Science Vol. 345, S. 75-77

21 Kommentare
  1. Eva
    Eva says:

    Ein schöner Artikel.

    …“alleine sein“, oder vielmehr mit sich selbst und bei sich sein…alles eine Sache der Blickrichtung. Manchmal erscheinen uns die einfachsten und selbstverständlichsten Sachen sehr schwierig.

    Lieben Gruß
    Eva

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Eva,
      danke. Ja, da geb ich dir recht. Häufig sind jedoch auch die selbstverständlichsten und „einfachsten“ Dinge die wichtigsten und paradoxerweise die schwierigsten.
      LG

      Antworten
  2. Anna
    Anna says:

    Hallo lieber Anchu,

    ein echt toller Artikel über das Alleinsein. Ich konnte es jahrelang überhaupt nicht, habe regelrechte Panikanfälle bekommen. Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen und ich musste die Zeit, in der ich alleine war, zu 100% durchtakten. Hat mir dann jemand für den Abend abgesagt, bin ich beinahe zusammengebrochen vor Verzweiflung. Ich hatte Angst davor, mich selbst kennenzulernen, weil ich befürchtete, es würde etwas Schlimmes ans Tageslicht kommen. Als ich aber durch Yoga und Meditation erfuhr, dass genau das Gegenteil der Fall ist, genieße ich das Alleinsein in vollen Zügen. Jetzt habe ich den Eindruck, dass ich mich von mir selbst entferne, wenn ich zu viel in Gesellschaft anderer Leute bin. Dann brauche ich dringend eine Auszeit mit mir selbst, um mir darüber klar zu werden, was eigentlich gerade geschieht. Gönne ich die mir nicht, greift mein Körper ein und ich werde müde oder krank.
    Ich glaube, es ist echt wichtig, das Alleinsein Schritt für Schritt zu üben. Und vielleicht mache ich tatsächlich mal alleine einen Ausflug in eine fremde Stadt?! 🙂

    Ganz liebe Grüße
    Anna

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Anna,
      mir geht es ähnlich. Wenn ich nicht ab und zu alleine bin, dann merke ich es körperlich und auch emotional. Ist schon interessant, was der Körper uns für Rückmeldungen gibt, wenn wir darauf achten.
      Yoga und Meditation find ich gut und können beim alleine-sein üben helfen. Bei mir was es aber noch mehr das alleine Reisen… Ich denke, manchmal ist es am besten, einfach ins kalte Wasser zu springen..
      Ich kann dir das alleine reisen nur empfehlen. Fange mit einem kleinen Städtetrip an und dann kannst du dich steigern. Irgendwann ist auch die Weltreise kein Problem mehr.
      Liebe Grüße zurück!

      Antworten
  3. Fabian
    Fabian says:

    Hi Anchu,

    ein Freund hat mir deine Webseite empfohlen und ich bin jetzt schon ein Fan. Schlichtes Design. Fokus auf den Inhalt. Starke Texte. Toll!

    Zu dem Artikel. Wie Hemingway sagte:

    Writing, at its best, is a lonely life. For he does his work alone and if he is a good enough writer he must face eternity, or the lack of it, each day.

    Beste Grüße
    Fabian

    Antworten
  4. Lena
    Lena says:

    Hallo,
    ein toller Artikel, der so viel Wahrheit in sich trägt. Ich glaube, dass man erst entdecken muss, wie schön alleine sein eigentlich sein kann.
    Ich liebe es auch mal Zeiten alleine zu sein und nur Dinge für mich zu tun. Ich gehe gerne allein in ein Café um einen Kaffee trinken zu gehen oder ein Buch zu lesen!
    Alleine sein ist nicht schlecht und manchmal ist es einfach nur wundervoll.
    Liebe Grüße, Lena

    Antworten
  5. Corinna
    Corinna says:

    Wow, sehr sehr sehr toller Artikel!
    Ich habe schon immer viel Zeit mit mir alleine verbracht und mache es auch sehr gerne. Ich bin auch schon einige Male alleine verreist und genau in solchen Situation, in denen du total auf dich alleine gestellt bist, erkennst du dein wahres Potential.
    Aber für mich ist das schönste am alleine sein, dass ich die Zeit mit anderen (Partner, Freunde, Familie) sehr schätze und bewusst nur Zeit mit Menschen verbringe, die mir auch gut tun.

    Schöne Grüße
    Corinna

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Corinna,
      danke.
      Ich reise auch viel alleine und finde es immer wieder überraschend, wie viel ich dabei über mich selbst lerne. Und wie sehr ich mich dann, ähnlich wie du, nach Menschen sehne, die mir am Herzen liegen.
      LG

      Antworten
  6. Petra
    Petra says:

    Hallo Anchu, habe soeben Deinen Artikel und Deine Seite entdeckt. Schöne Seite und weiser Artikel…bin mit dem Thema „mit mir alleine sein“ aufgewachsen. Fand das als Kind nicht immer toll, hat mir aber viel gebracht..im Nachhinein…ich habe es vielfach auch als Langeweile „bezeichnet“, die einem kreativen Denkfreiraum bietet („Der Chinese sitzt, wenn er sitzt“). Gut alleine sein können „ist die halbe Miete“, um gelassen durchs Leben zu gehen…liebe Grüsse und vielleicht hast Du auch Lust, mal bei mir vorbei zu schauen…Petra

    Antworten
  7. Jana Wessendorf
    Jana Wessendorf says:

    Ein wunderbarer und auch wichtiger Artikel. Leider verwechseln viele Menschen Alleinsein und Einsamkeit. Für mich als mehr introvierte Person ist Alleinsein auch Erholung und gleichermassen notwendig, um wieder Energie zu sammeln. Eine Wanderung in aller Stille ist ein Segen für Körper und Sinne … nur Angst vor sich selbst haben, das darf man dabei nicht.

    Beste Grüsse, Jana

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Jana,
      ich habe schon öfters von introvertierten Menschen gehört, dass sie gerne alleine sind und diese Zeit auch brauchen. Andere Menschen hingegen laden sich in Gegenwart anderer Menschen auf. Das ist schon interessant.
      LG

      Antworten
  8. Felix
    Felix says:

    Es ist ein grosser Unterschied ob man alleine sein MUSS (weil man beispielsweise verlassen wurde) oder ob man mal allein sein WILL.
    Und das Alleineseinmüssen ist eine Qual und nichts anderes; vor allem wenn man genau das Gegenteil will und zwar mit der Frau, die einen so sehr verletzt hat.

    Antworten
  9. Stefff
    Stefff says:

    Ich bin auch sehr gerne allein und kann es auch, ich kann nach dem Aufwachen gerne zwei Stunden weiter daliegen und in mich hören, oft schreibe ich meine Gedanken auf oder begebe mich in eine geführte Meditation.
    Was mich aber beschäftigt: wenn ich mich selber entdeckt und kennengelernt habe, möchte ich das auch mit einer anderen Person teilen. Und da widerum muss ich zu meinem Glück gezwungen werden… wenn es nach mir ginge, könnte das Leben „allein“ noch ewig dauern (okay, abgesehen vom Kontakt mit Kollegen auf der Arbeit). Jedoch fehlt mir der Antrieb/die eigene Überzeugung, eine Partner zum Teilen zu suchen. Vielleicht ist das aber auch nur die Überzeugung meiner Umwelt, dass man jemanden braucht. Was, Du bist schon sooo lange Single? Wenn Du noch Kinder bekommen willst, musst Du Dich aber beeilen… etc. Ja, eigentlich haben sie Recht. Aber uneigentlich ist es mir im Moment nicht so wichtig, als dass ich aus meiner Haut möchte. (Ist das vielleicht zu vergleichen mit unglücklichen Partnerschaften, die wg. Kind + Haus + der heilen Fassade „von außen“ stabil zusammengehalten werden?)
    Auf jeden Fall empfinde ich das Leben zunehmend komplexer, weil die Kräfte so ungleich verteilt scheinen – der eine hat, was er nicht mehr möchte, was andere aber gerne hätten? Was bewahrt uns davor, dass sich das Gewünschte als nicht passend entpuppt?
    Wie kann ich ganz bei mir sein, ohne introvertiert zu sein und meine Mitmenschen von mir deswegen fernzuhalten?

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Stefff,
      mir fallen dazu zwei Dinge ein:
      1. Entweder, du bist wirklich gerne alleine und möchtest dein Leben nicht teilen. Problem hier, ist dass dein Umfeld anscheinend gewisse Erwartungen an dich stellt.
      2. Du redest dir ein, dass du keinen brauchst, weil du Angst davor hast, dich zu öffnen und eventuell zurückgewiesen zu werden.
      Was von beidem zutrifft, musst du für dich alleine herausfinden. Oder vlt. ist es auch etwas ganz anderes…
      LG

      Antworten
  10. Ilaria
    Ilaria says:

    … da erinnere ich mich an das Buch „Die Wolfsfrau“ in der die Bedeutung von alleine sein angesprochen wurde. Es kommt demzufolge von „all eins sein“ bzw. „alone – all one“, was dem ganzen einen neuen Anstrich verpasst und gut zu deinen Worten passt.

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.