Der merkwürdige Grund, warum du nicht loslassen kannst

Im Leben laufen manche Dinge nicht so wie wir sie uns vorstellen.

Sorry, das ist totaler Schwachsinn …

Ich korrigiere: im Leben laufen die meisten Dinge nicht so wie wir sie uns vorstellen!

Wir werden von unserem Partner verlassen. Wir scheitern im Bewerbungsgespräch für einen unterbezahlten und langweiligen Job. Wir tragen Größe L statt der gewünschten S. Unser Hamster stirbt an Masern. Unsere Freitagabend-Lieblingsendung wird wegen zu geringer Einschaltquote abgeschafft.

Das Leben ist kein scheiß Ponyhof … 

Aber weißt du was? Das ist scheißegal.

Es ist scheißegal, weil es nicht die Ereignisse in unserem Leben sind, die zu Unzufriedenheit, Enttäuschung und Schmerz führen. Was in den meisten Fällen zu Unzufriedenheit, Enttäuschung und Schmerz führt ist, dass wir diese Ereignisse nicht loslassen.

Ich habe meinen Vater verloren, einige Trennungen hinter mir und vieles ist in meinem Leben nicht so gelaufen, wie ich es geplant hatte. Trotzdem bin ich zufrieden. Warum? Weil ich diese und andere negative Erfahrungen losgelassen habe.

Häufig sind wir unzufrieden mit uns selbst und unserem Leben, sind gestresst, sind in unserer Kreativität und Produktivität gehemmt, haben Probleme beim Einschlafen, können Sex nicht genießen, sind emotional blockiert, bestrafen uns immer noch für Fehler aus der Vergangenheit und reiben uns an Dingen auf, auf die wir keinen Einfluss haben.

Die Lösung für diese und viele weitere Schwierigkeiten? Loslassen.

Loslassen ist einer der großen Schlüssel für mehr Selbstakzeptanz, Glück und Zufriedenheit im Leben. Doch es gibt einen merkwürdigen Grund, der viele Menschen am Loslassen hindert: ihre Identität.

(Hier findest du übrigens eine Übersicht verschiedener Artikel zum Thema Loslassen von meinem Bloggerkollegen Norman.)

Loslassen: Das Problem mit der Identität

Sei es die Vergangenheit, negative Gedanken und Gefühle, Fehlentscheidungen, ungesunde Beziehungen oder einen langweiligen Job – das alles loszulassen fällt vielen Menschen schwer:

  • Wir hängen immer noch an unserem Ex-Partner, obwohl dieser uns verlassen hat, als Britney Spears noch für ihr musikalisches Talent und nicht für ihre Aussetzer bekannt war.
  • Weil wir uns vor Jahren mal auf einer Party lächerlich gemacht haben, sind wir seitdem nie wieder auf eine Party gegangen.
  • Wir verfolgen krankhaft ein Ziel, obwohl wir intuitiv wissen, dass es das falsche Ziel ist.
  • Wir glauben, dass wir nicht gut genug sind und können uns selbst nicht akzeptieren, egal, was wir erreichen.
  • Wir hängen seit Jahren in einem Job oder einer Beziehung fest, die uns unzufrieden macht.
  • Wir machen uns immer noch für einen Fehler fertig, den wir vor Jahren begangen haben.

Doch warum können wir diese Dinge nicht loslassen?

Ob bewusst oder unbewusst, wir alle entscheiden, was in unserem Leben eine Bedeutung hat – und damit entscheiden wir auch, woraus wir unseren Selbstwert ziehen und was uns eine Identität gibt.

Häufig identifizieren sich Menschen mit:

  • ihren Besitztümern
  • ihren Beziehungen
  • ihrem Beruf
  • ihrem Erfolg beim anderen Geschlecht
  • ihren Errungenschaften aus der Vergangenheit
  • ihren Zielen
  • ihren Gedanken und Gefühlen
  • der Marke ihres Autos, ihrer Jeans oder ihres Waschpulvers
Mein Boot, mein Apartment, mein Sonnenuntergang. (Trondheim, 2016)

loslassen lernen 3

Je mehr wir etwas mit unserer Identität verknüpfen, desto schwerer fällt es uns loszulassen. Das Problem an der Geschichte ist, dass wir uns häufig mit verdammt viel Mist identifizieren.

Aus diesem Grund gibt es Menschen, die sich umbringen, nachdem sie ihren Job oder ihr ganzes Vermögen verlieren. Sie haben sich so stark mit ihren Job oder ihrem Geld identifiziert, dass sie ihr komplettes Selbstbild darauf aufgebaut haben. Als diese Dinge weg waren, ist ihre gesamte Identität zusammengekracht. Zumindest dachten sie das.

Falls es dir zum Beispiel sehr schwer fällt, dich von den Meinungen anderer zu lösen, dann liegt das größtenteils daran, dass dir die Meinungen anderer unheimlich wichtig sind und du einen Teil deines Selbstwerts und deiner Identität daraus ziehst.

Ähnlich sieht es aus, wenn du dich nicht von Selbstkritik lösen kannst. Du identifizierst dich mit deinen Gedanken und mit der kritischen Sicht auf dich selbst.

Und aus dem gleichen Grund kannst du auch nach Jahren deinen Ex-Partner nicht loslassen. Du hast dich – zumindest teilweise – durch die Beziehung identifiziert.

Als ich mich im Jahr 2012 von meiner damaligen Freundin getrennt habe, ist meine Welt zusammengebrochen und ich konnte diese Frau lange nicht loslassen. Das lag größtenteils daran, dass ich damals meinen Selbstwert aus der Beziehung mit ihr bezogen habe.

(Den Artikel über die Trennung findest du hier.)

Sei es ein Fehler in der Vergangenheit, die Meinung anderer, negative Gedanken und Gefühle gegenüber uns selbst, dein Ex-Partner oder der scheiß Bürojob, der dich so sehr langweilt wie ein Vortrag über das Paarungsverhalten von Ziegelsteinen – diese Dinge loszulassen fällt dir schwer, wenn dich zu sehr mit ihnen identifizierst.

Vor einigen Jahren habe ich den Entschluss getroffen, alles zu verkaufen, was ich nicht unbedingt brauche. Seitdem passt alles, was ich besitze, in einen großen Koffer. Die Entscheidung ist mir damals verdammt schwer gefallen. Ich hatte das Gefühl, dass ich durch den Verkauf von Büchern, Klamotten und anderen Dingen einen Teil meiner Identität verliere. Als würde eine scheiß Lederjacke etwas über mich aussagen.

Und so geht es uns häufig, wenn wir etwas loslassen möchten. Wir haben das Gefühl, einen Teil unseres Selbst zu verlieren. Als würde man uns einen Arm oder ein Bein abhacken.

Wir identifizieren uns häufig mit verdammt viel Mist. (Kiew, 2016)

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Loslassen beginnt deshalb zu einem großen Teil damit, dass wir aufhören, uns mit externen Dingen zu identifizieren und sie zu einem Teil unseres Selbstbilds zu machen. Und was genau ich damit meine, erfährst du jetzt.

Loslassen: „Be water my friend“

Vielleicht bist du der Meinung, dass die Vergangenheit, ein Beruf, eine Beziehung oder ein 52 Zoll Flachbildfernseher ein Teil von dir ist und dass sie dich zu demjenigen machen, der du bist.

Ja, die Vergangenheit, ein Beruf, eine Beziehung oder auch ein Fernseher ist ein Teil unseres Lebens. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie uns als Mensch definieren.

Du bist nicht deine Vergangenheit, nicht dein Job, nicht deine Beziehung auch nicht dein Fernseher – ganz egal, wie groß das scheiß Ding ist. Stell dir vor, man würde dir alles in deinem Leben wegnehmen. Ja, ich weiß, kein schöner Gedanke, aber stell es dir trotzdem kurz vor. Was wäre dann? Du wärst du immer noch du. Du wärst immer noch ein Mensch mit Gefühlen, mit Werten, mit einer Persönlichkeit.

Bruce Lee sagte einmal:

„Leere deinen Geist. Werde formlos und gestaltlos wie Wasser. Wenn man Wasser in eine Tasse gießt, wird es zur Tasse. Gießt man Wasser in eine Flasche, wird es zur Flasche. Gießt du Wasser in eine Teekanne, wird es zur Teekanne. Sei Wasser mein Freund.“

(Daher das berühmte Sprichwort „Be water my friend“.)

Diese Weisheit trifft das Problem von Identität und Loslassen auf den Punkt. Möchten wir lernen loszulassen, brauchen wir eine flexible Identität. Eine Identität, die nicht auf Besitztümern, Erfolgen, Beziehungen oder anderen externen Dingen basiert – und nein, auch nicht eine, die auf einem Flachbildfernseher basiert.

Loslassen bedeutet Freiheit

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Viele Menschen haben eine starre Identität. Eine Identität, die auf externen Dingen basiert und die zusammenbricht, sobald sich diese Dinge ändern. Deshalb gibt es Menschen, die nicht darüber hinwegkommen, dass sie ihren Job verlieren oder von ihrem Partner verlassen werden. Ein Großteil ihrer Identität basierte auf diesen Dingen und sie sind unfähig, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Eine flexible Identität entsteht, wenn wir uns nicht mit externen Dingen identifizieren, sondern uns in vollkommener Selbstakzeptanz üben. Wenn wir uns selbst und die Umstände so akzeptieren, wie sie sind, anstatt dagegen anzukämpfen.

Wenn wir lernen, mit unseren Ängsten, negativen Gedanken und Gefühlen besser umzugehen und wir realisieren, dass wir zwar das Leben nicht kontrollieren können, jedoch unsere Reaktion darauf.

Durch eine flexible Identität sind wir fähig, uns an verschiedene Lebenssituationen und Veränderung anzupassen und besser mit ihnen umzugehen. Wir hören auf, das Unkontrollierbare kontrollieren zu wollen und surfen stattdessen auf der Welle des Lebens während die glutrote Sonne den Ozean küsst.

Und dann sind wir Wasser. Wenn man Wasser in eine Tasse gießt, wird es zur Tasse. Gießt man Wasser in eine Flasche, wird es zur Flasche. Gießt du Wasser in eine Teekanne, wird es zur Teekanne. Trotzdem bleibt das Wasser immer Wasser.

Eine flexible Identität hat deshalb auch nichts mit Unehrlichkeit, mangelnder Authentizität oder sich verstellen zu tun. Eine flexible Identität bedeutet nur, dass man seinen Selbstwert nicht aus externen Dingen bezieht, sondern sich selbst und das Leben so akzeptiert, wie es ist.

Je flexibler unsere Identität ist und je weniger sie auf externen Dingen basiert, desto leichter fällt es, uns an das Leben anzupassen und die Dinge loszulassen, die wir loslassen möchten.

Verstehe mich nicht falsch. Eine Trennung ist selten einfach. Einen Geliebten Menschen zu verlieren wird (fast) immer schmerzen. Ein Berufswechsel ist ein großer Wandel im Leben und häufig mit Ängsten verbunden.

Doch diese und andere negative Erfahrungen müssen nicht jahrelang unser Leben beeinflussen. Wir können, dürfen und sollten sie loslassen. Denn erst dadurch sind wir bereit, neue Erfahrungen, neue Gefühle, neue Möglichkeiten und auch neue Menschen in unser Leben zu lassen. Oder einen neuen Flachbildfernseher.

Es gibt jedoch noch weitere drei Gründe, die uns davon abhalten, loszulassen.

Loslassen: 3 Gründe, warum es uns so schwer fällt

1. Angst

Loslassen kann schwierig sein, weil es uns Angst macht. Loslassen bedeutet Veränderung und Veränderung verbinden die meisten Menschen mit Angst. Alles was neu ist, alles was anders ist, macht uns Angst. Und da Angst ein unangenehmes Gefühl ist und viele Menschen nicht wissen, wie sie mit ihrer Angst umgehen sollen, versuchen sie, diese zu vermeiden. Und damit auch das Loslassen.

(Eine Schritt für Schritt Anleitung, wie du systematisch deine Ängste überwinden kannst findest du hier: Ängste überwinden – ein praktischer Leitfaden.)

2. Versunkene Kosten

Ein weiterer Grund, der uns am Loslassen hindert, ist das, was in der Wirtschaft als versunkene Kosten bezeichnet wird. Vielleicht befindest du gerade in einem Job, der dich langweilt, in einer ungesunden Beziehung oder in einer anderen unangenehmen Lebenssituation.

Es fällt dir jedoch schwer loszulassen, weil du schon eine Menge Zeit, Energie und vielleicht auch Geld in diese Dinge investierst hast und diese nicht mehr reversibel sind (deshalb nennt man sie versunkene Kosten).

Hast du auch schon mal behauptet, dass du jetzt nicht aufhören kannst, weil du schon soooo viel Zeit oder Energie in etwas investiert hast? Genau das sind versunkene Kosten.

3. Wir wollen nicht vergessen

Noch ein Grund, warum loslassen häufig schwer fällt: wir verwechseln loslassen mit vergessen. Etwas loszulassen heißt nicht automatisch, dass wir es vergessen. Nur weil ich meine Vergangenheit loslasse bedeutet das nicht, dass ich plötzlich keine Vergangenheit mehr habe. Genauso ist es mit einem Ex-Partner oder mit dem Verlust eines geliebten Menschen.

Im Jahr 2014 ist mein Vater gestorben. Seinen Verlust lasse ich mehr und mehr los. Doch deshalb habe ich ihn noch lange nicht vergessen. Die Erinnerungen an ihn lösen bei mir aber kaum noch Schmerz, Vorwürfe oder Trauer aus, sondern größtenteils Freude. Ich erinnere mich an die schönen Momente, die ich mit ihm hatte, die guten Seiten an ihm, die Dinge, die ich von ihm lernen durfte.

Loslassen bedeutet, dass wir innerlich Frieden schließen. Es bedeutet, dass wir die Erfahrung – egal, wie schmerzhaft sie war – verarbeiten und akzeptieren. Loslassen ist heilsam und impliziert keinesfalls, dass wir vergessen.

Wann fängst du an, loszulassen?

Dir hat dieser Artikel gefallen? Dann ließ unbedingt Die „Halt deine Schnauze und mach etwas“-Regel und 5 Dinge, die dir am Arsch vorbeigehen sollten

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43 Kommentare
  1. Elias
    Elias says:

    Hallo Anchu,
    (mal wieder) ein sehr gelungener Artikel.
    Soweit ich weiß, meditierst du regelmäßig. Hat dir das dabei geholfen, mehr loszulassen?

    Antworten
  2. Jannik
    Jannik says:

    Toller Artikel! Loslassen ist echt eine wichtige Gabe. Bei dem Thema „versunkene Kosten“ habe ich mich bzw. meinen Vater direkt wieder erkannt. Er ist der Meinung, dass mein 3-jähriges Studium und das investierte Geld komplett umsonst gewesen wäre, wenn ich in einem anderen Beruf arbeite. Ich sehe das überhaupt nicht so, denn alles was ich in mich selbst investiere und wo ich Erfahrungen sammele, wird mir später zu einem bestimmten Zeitpunkt helfen.

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Jannik,
      danke.
      Ich teile deine Sichtweise. Nur weil du nicht in dem Bereich arbeitest, war die Zeit nicht verloren. Du hast dich als Mensch ja sicherlich weiterentwickelt. Und abgesehen davon: vlt. hat es dir ja auch dabei geholfen, herauszufinden, was du nicht willst…
      LG

      Antworten
      • tabbi
        tabbi says:

        Das mit den versunkenen Kosten ist mir schon lang bewusst. Ich würde sagen, dass die Gegenwart/Zukunft zählt, nicht die Vergangenheit, denn die ist vorbei; in einer Beziehung zu bleiben, weil sie mal schön WAR (aber nicht mehr IST und nicht mehr WERDEN KANN) – ist natürlich reine VERSCHWENDUNG von Zeit und Energie.

        Dennoch hänge ich drei Monate nach einer Trennung auch noch an einer Frau (obwohl ich die Trennung mitvollzog und auch noch dahinter stehe, dass es nicht weiter geht) und keine Anhnung warum ich jeden Tag noch an sie denke und wie ich das mal stoppen kann.

        Antworten
          • tabbi
            tabbi says:

            Danke dir! Seltsam finde ich nur, dass es nach so langer Zeit noch täglich mehrmals in meinem Leben auftaucht. Muss allerdings sagen, dass beiderseits rationale Gründe die Trennung nötig machten und nicht etwa fehlende Gefühle oder Leidenschaft.

            Deine Texte finde ich außergewöhnlich klug. Hab diesen hier per Link auch mal an Leute „verteilt“, die ich für interessiert an so was halte.

  3. Mattias
    Mattias says:

    Hi Anchu,

    großes Kompliment! Du schaffst es, komplexe Dinge des Lebens, die einen unbewusst hemmen oder blockieren, einfach, plakativ und gut verständlich zu beschreiben und sorgst so bei mir immer wieder für einen „Aha-Effekt“. Danke dafür!

    LG,

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Matthias,
      danke, das freut mich zu hören. Allerdings habe ich an dem Artikel wirklich lang gesessen… Es ist also auch nichts, was ich mal eben schnell aus dem Hut zaubere 🙂

      Antworten
  4. Eva
    Eva says:

    Hallo Anchu,
    toller Artikel! Zur richtigen Zeit. Loslassen fällt
    mir sehr schwer. Auch wenn mir so vieles bewusst ist und der Verstand die „Probleme“ verstanden und erkannt hat, fällt es mir sehr schwer, das Loslassen umzusetzen- anzunehmen.. Das Herz kommt nicht so ganz hinterher ;(
    Ich werde den
    Ratgeber lesen und bin gespannt auf weitere Artikel! Weiter so und alles Liebe!

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Eva,
      hast du schonmal Yoga oder auch Meditation ausprobiert? Manche Dinge kann man über den Verstand nur schwer lösen und es ist einfacher, es über eine „körperliche“ Ebene zu machen. Das funktioniert gerade beim Thema loslassen bei mir sehr gut…
      LG

      Antworten
  5. Silviana Tabita
    Silviana Tabita says:

    Hallo Anchu,
    ein gelungener Artikel! Vielen Dank dafür.

    Mit dem Thema Loslassen beschäftige ich mich aktiv, passiv, plakativ, körperlich und auf welchen Ebenen auch immer schon eine ganze Weile. Als gelernter DDR-Bürger bin ich damit aufgewachsen, dass man alles noch brauchen kann, Ressourcen schonen und weiterverwenden soll etc. Obwohl ich noch heute darauf achte, keinen verschwenderischen Lebensstil zu führen und Güter, die ich nicht mehr brauche, tausche oder verschenke, freue ich mich doch zusehends, dass ich immer mehr Dinge, Menschen und Ansichten loslassen kann, die mir bisher das Gefühl von Sicherheit vermitteln sollten. Oder an die ich mich einfach gewöhnt hatte. Gerade durch Meditation und Körperarbeit finde ich die wahren Ursachen für mein Befinden und muss mir nicht mehr eine hart erarbeitete scheinbare „Sicherheit“ erschaffen.

    Deine Ausführungen speziell zu versunkenen Kosten fand ich daher sehr interessant. So viel investiert, dass es Sicherheit bietet. Okay. Aber soviel investiert und eigentlich belastet es nur noch, aber es soll ja nicht umsonst gewesen sein… Diese Ansicht steckt doch noch mehr in meinen Zellen als mir lieb ist. Ich hatte früher einen langweiligen stressigen Bürojob, hatte das Gefühl meine Seele für dieses Geld zu verkaufen. Und wenn dann der ROI (Return of Investment) nicht passend war, tja, dann war alles umsonst. Verschwunden, versunken. Doppelt versklavt. Frustriert bei der Arbeit, viel Geld hab ich auch in Selbstfindungs- und alternative Heilmethoden gesteckt. Und dann den ganzen Besitz pflegen, ordnen. Sklave meines Hausrates… Unter dem Strich blieb dennoch nicht viel übrig. Heute verdiene ich sehr viel weniger, finde Heilung in Begegnung mit anderen Menschen, brauche weniger Zeug, weil ich nicht mehr bürotauglich sein muss. Herrlich!

    Du siehst Anchu, mit deinem Artikel hast du voll ins Schwarze getroffen und ich mag deinen etwas flapsigen Schreibstil sehr und teile deinen Artikel gerne auf FB.

    Liebe Grüße von Tabita

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Silviana,
      ich kann mir vorstellen, dass du durch die DDR_Erziehung noch ein paar „merkwürdige“ Glaubenssätze mit auf den Weg bekommen hast…
      Auch mir fällt es noch manchmal schwer loszulassen. Bei mir sind es vor allem die Erwartungen. Erwartungen an mich und an das Leben.
      Ähnlich wie dir hat auch mir Meditation und Körperarbeit seht gut getan. Und eben auch „umdenken“ (versunkene Kosten, Identität, etc.)
      Ich weiß nicht, ob du den Artikel schon kennst, aber letztes Jahr habe ich über materiellen Besitz geschrieben und warum weniger davon häufig mehr ist:
      http://anchukoegl.com/minimalismus-minimalistisch-leben/
      LG
      p.s. Flapsig nimm ich jetzt mal als Kompliment auf 🙂
      p.p.s. Danke fürs Teilen

      Antworten
      • Silviana Tabita
        Silviana Tabita says:

        Hallo Anchu,

        ja, flapsig war als Kompliment gemeint. So nah am Leben halt und nicht so verkopft und du schreibst nicht so besserwisserisch, sondern erfrischend. Den Artikel über Minimalismus habe ich auch noch flott gelesen. Da habe ich eine Meisterin des Verschenkens an meiner Seite. Meine Schwester – sie hat fast nichts mehr, wohnt im Sommer mit ihrem Sohn in einem engen Camper und im Winter manchmal bei mir. Eine Wohnung hat sie nicht. Zumindest im Moment… http://jedida.de Im Moment reist sie durch Bali mit ihrem Sohn und schreibt an ihrem Karma-Roman.

        Ich persönlich entrümple 1x im Monat… Na, es darf noch weniger Zeug werden. Die Dinge, die mir die meiste Freude machen sind Nähen (gerne aus alten Klamotten oder Bettwäsche Neues gestalten), Malen und Massieren. Bin so in Kontakt mit meiner Kreativität und das Erschaffen macht mehr Spass als das Konsumieren – es ist einfach nachhaltiger. An den selbstgenähten Dingen erfreue ich mich immer wieder, wenn ich es in die Hand nehme (und das passiert mit Einkaufstaschen sehr oft). Oft geht es mir beim Einkaufen so, dass ich denke: Wow, das sieht ja super aus und ist praktisch. Das könnte ich aus Zeug herstellen, was bei mir daheim rumliegt. So gehe ich dann wieder heim und werde kreativ. Sicher auch nicht im Sinne des Erfinders der Einkaufsmeilen. 😉
        Noch besser: die Eigenkreationen an liebe Menschen verschenken 😉

        Bis dann und viel Freude weiterhin auf Reisen und beim Schreiben.

        LG,
        Silviana Tabita

        Antworten
  6. Christian
    Christian says:

    Hej Anchu, vielen Dank für die interessanten Gedanken. Ich kämpfe beim Loslassen übrigens auch stark mit versunkenen Kosten.

    Eine Kleinigkeit: Magst du vielleicht das Video schneiden? Zu Beginn setzt du nämlich zweimal an.

    Schöne Kulisse übrigens vor dem Kloster St. Michael 🙂
    LG – Christian

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Christian,
      ich dachte, ich lass den „Fehler“ im Video mal drin. Loslassen und so 🙂
      Der erste Schritt ist, dass dir das schonmal bewusst ist. Daran kannst du ansetzten…
      LG

      Antworten
  7. Susanne
    Susanne says:

    hey Anchu!

    Toller Artikel, der Schreibstil ist wunderbar! Ein bisschen zucke ich beim 10. „Scheisse“… ich versuche es mir gerade abzugewöhnen. Wenn man dann seinen 5Jährigen ständig „Scheisse“ oder „Scheissdreck“ sagen hört, fällt es dann doch auf, wie oft man das wohl selber von sich gibt. Ich lasse das Wort jetzt los:-)

    Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man wirklich alles loslassen kann. Für manches hat man doch auch einfach die Verantwortung. Wenn mein oben genannter 5Jähriger 4 Meter über dem Boden in einem Baum hängt und mit beiden Händen winkt, dann denke ich: loslassenloslassen. Ähm, moment, nein: „Lass nicht loooos!“
    Aber was ich eigentlich sagen will: Da kann ich noch nicht so gut loslassen!

    Vielleicht ist es auch wichtig, etwas zu finden, was anstelle des „Losgelassenen“ kommt: wenn man am Ex hängt, seine Gedanken auf neues richten. Nicht zwanghaft auf neue Partner, einfach auf etwas, das einen begeistert. Kann auch Kamelreiten oder Asiatische Kochkunst sein.

    und nochwas zum Thema: während der Geburt meines 1. Kindes sagte die Hebamme: sie müssen jetzt loslassen. Das war in Stunde 47 dieser Geburt, nach 2 Stunden Presswehen. Ich hätte sie töten können!!!:-);-)

    ganz liebe Grüße
    Susanne

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Susanne,
      erst mal danke! Ich gebe dir recht, nicht immer und nicht alles kann mal loslassen – und manchmal sollte man auch nicht loslassen. Ich habe noch keine Kinder, aber ich kann mir vorstellen, dass wenn es soweit ist, sich mein Leben auch nochmal radikal verändern wird.
      Aber letztendlich kann man paradoxerweise auch den Gedanken, loslassen zu müssen, loslassen. Und damit schließt sich für mich der Kreis wieder.
      LG
      p.s. Kamelreiten klingt super!

      Antworten
      • Susanne
        Susanne says:

        Hey Anchu!

        Spannenderweise habe ich beim 3. Kind loslassen gelernt. Nicht völlig. Er darf sich jetzt mit einem Jahr durch unser Haus bewegen, obwohl es fast nur aus Treppen besteht. Wenn Besuch kommt, sagen die: „wo ist der Kleine denn?“
        Und ich: „oben oder so“
        das wäre bei Kind eins nie möglich gewesen.
        Dann habe ich aber mit einer Freundin festgestellt, das Kind eins sich auch total in Gefahrensituationen begibt. Er versucht über Zäune zu klettern, hinter denen es so 20 Meter runter geht und solche Sachen.
        Was war da wohl zu erst da? Henne oder Ei? Glucke oder Draufgänger?

        Kamelreiten wäre auf jeden Fall genial!:-)
        liebe Grüße
        Susanne

        Antworten
  8. Sebastian
    Sebastian says:

    Das versteh ich, dass das einer deiner Lieblingsartikel ist, Anchu. Ich finde ihn auch sehr gut und das Thema ist extrem wichtig. Eins würde ich noch ergänzen: „Du bist nicht dein Körper.“

    Das Foto vor dem blau-weißen Gebäude ist der Knaller.
    Freue mich schon auf den Datingratgeber, der wird sowas von gekauft…
    Gruß
    Sebastian

    Antworten
      • Sebastian
        Sebastian says:

        Das hat nicht nur mit dem momentanen Schönheitswahn zu tun (ob der so momentan ist oder es ihn früher auch schon, vielleicht in anderer, aber nicht geringerer Form, gab, sei mal dahingestellt), sondern generell. Warte noch mal 10-15 Jahre, dann weißt du was ich meine. Bei Eckhart Tolle ist das auch immer ein großes Thema („Nicht-Identifikation mit dem Körper“, wie er es nennt).
        LG

        Antworten
  9. Silvia
    Silvia says:

    Zum richtigen Zeitpunkt…und wirklich ausführlich 🙂 Besonders…Loslassen heißt nicht Erinnerungen löschen! Ja, das stimmt…werde versuchen, es zu verinnerlichen. Das ist echt ein wichtiger Punkt.
    Danke und liebe Grüße, Silvi

    Antworten
  10. Isi
    Isi says:

    Hallo du,
    was ist denn wenn ich sowas von loslassen will, meine Lieben aber gar nichts davon halten und ich keinen Weg finde die Akzeptanz für mein Loslassen zu erhalten. JA, jetzt wo ich es schreibe scheint mir der „Fehler“ immer noch in mir zu liegen. Die Frage ist immer wieder nicht das WAS ich tun soll/ kann sondern WIE es mir gelingen kann.
    Will ich zu schnell zu viel zu perfekt?
    Oder bin ich doch nicht so „willig“ diesen Weg wirklich zu gehen, einmal durch den Schmerz durch und dann leben?
    Ich dachte immer ich wäre eine total egoistische Person und die Meinung Anderer und ihre Ansichten könnten mir egal sein, doch ich stelle fest dass ich nicht nach meinem Herzen handel sondern nach Befindlichkeiten meiner Mitmenschen! Aus lauter Angst anzuecken ecke ich an! Das ist scheiße.
    Mir geht es da wie Susanne allerdings irgendwie umgekehrt, früher war alles leichter, die Kinder hatten 100 mal mehr Freiheiten als andere; heute engen mich diese lieben Menschen durch ihre Wertungen ziemlich ein. Ziemlich wirres Zeug…
    Liebe Grüße
    Isi

    Antworten
  11. Traudl
    Traudl says:

    Hey Anchu,
    einen wertvollen Artikel hast du hier kreiert! Verstehe mein Verhalten tatsächlich schon ein Stück besser, je mehr Zeit vergeht desto glorifizierter wird die eigene Identität. Da ist eine Publikation wie die deine hier sehr hilfreich, um sich erneut auf den Boden zu holen.
    Zudem musste ich bei einigen Passagen an einen kürzlich gelesenen Bericht denken. In Letzterem appeliert eine ehemals stark übergewichtige Frau an reines Umdenken, da sie durch das bloße psychische Abschießen einer Lebensphase – ohne große Diät, Sport etc. – zu ihrem Idealgewicht zurückgefunden hat.
    Vlt. ist die Loslassens-Technik auch für zunächst nicht offensichtliche Lebensbereiche extrem förderlich.
    Das hilft bestimmt etlichen. DANKE dir 🙂

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Traudl,
      ich freue mich, dass dir mein Artikel weiterhilft. Ich bin der Meinung, dass Loslassen in so gut wie jedem Lebensbereich eine große Rolle spiel und einen starken Einfluss auf unsere generelle Zufriedenheit hat.
      LG

      Antworten
  12. Barbara J. Schoenfeld
    Barbara J. Schoenfeld says:

    Hallo Anchu,

    das Loslassen ist wirklich ein ganz wichtiges Thema, ganz eng verknüpft mit dem Thema: aufhören mit der Wirklichkeit zu streiten.

    Obwohl ich schon lange Zeit daran arbeite hat sich jetzt wieder bei mir eine tiefere Schicht davon gezeigt. Da kam dein Artikel genau zur rechten Zeit. Auch die versunkenen Kosten (in Form eines anderen Internetprojektes) haben mir zuerst ganz schön zugesetzt und ich habe lange gehadert damit.

    Jedoch nach etwa neun Monaten 😉 zeigt sich mein neues Baby…. und ich bin damit viel zufriedener….
    Das passiert, wenn man wirklich loslässt….

    Herzliche Grüße
    Barbara

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hallo Barbara,
      mir gefällt deine Beschreibung: „aufhören, mit der Wirklichkeit zu streiten.“ Das trifft es auch ganz gut auf den Punkt.
      Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem Projekt!
      LG

      Antworten
  13. Heidi Kaubisch
    Heidi Kaubisch says:

    Hey Anchu,
    wie die meisten hier schon vor mir gepostet haben, kann ich mich nur anschließen. Wirklich schöner Artikel, verständlich, nachvollziehbar, auf den Punkt gebracht und v.a. man kann sich identifizieren und erkennt sich wieder, denn so ziemlich jeden betrifft die Thematik bzw. hatte schon mal ähnliche Gefühle/Situationen erlebt im Leben. Find ich toll, die Art und Weise und wie leicht und verständlich du erklärst, damit umzugehen.
    Danke.
    VG
    Heidi

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hallo Heidi,
      ich danke dir vielmals.
      Ja, ich denke, dass das Thema loslassen eine zentrale Rolle im Leben der meisten Menschen spielt. Je mehr wir loslassen, desto besser geht es uns…
      LG

      Antworten
  14. Gerd
    Gerd says:

    Lieber Anchu,

    der zweite Artikel und das zweite Mal ein Volltreffer. Vielen Dank dafür!
    Ich habe Loslassen zu meiner Lebenseinstellung gemacht. Zumindest setze ich es Schritt für Schritt um. Zwei Tage nachdem ich damit so richtig begonnen habe, bin ich mit Herz-Rhtyhmus-Störungen ins Krankenhaus gekommen. Seitdem verändert sich mein Leben rasant zum positiven und ich transformiere alles.

    Das Loslassgen geht also weiter!

    Beste Grüße,
    Gerd

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Gerd,
      2 aus 2 – eine gute Quote 🙂
      Ja, auch ich merke immer mehr wie Loslassen mein Leben verändert und wie es so vieles einfacher macht. Lasse los und du bist frei…
      LG

      Antworten
  15. Matthias - Selbstbewusstsein für Männer
    Matthias - Selbstbewusstsein für Männer says:

    Hi Anchu,
    super Artikel.

    Jetzt da Du es schreibst, ist es so logisch. Wir bauen unsere Identität auf diese Dinge auf und können sie deshalb nicht loslassen.

    Sauguter Punkt.

    Eine große Angst, die mich davon abhielt, Selbstakzeptanz zu üben war, dass ich fürchtete dann keine Veränderung mehr in mein Leben zu lassen.

    Frei nach dem Motto: „Wenn ich mich selbst akzeptiere, dann akzeptiere ich auch die Lebensumstände die mich momentan brechen.“

    Ebenjene falsche Verknüpfung von äußeren Umständen zur eigenen Identität.
    Aber auf einer ganz subtilen unterschwelligen Ebene.

    Grüße

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Matthias,
      das ist ein guter Punkt. Ich dachte auch lange, dass wenn ich mich selbst akzeptiere und liebe ich nicht mehr die Motivation haben werde, mich zu verändern. Aber das stimmt nicht. Die Motivation verändert sich nur. Statt einer weg-von Motivation haben wir eine Hin-zu Motivation.
      LG

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