Flugzeugabstürze, Terrorismus und Ebola: Wie uns die Medien verrückt machen

mimic-156928_1280Der Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich am 24. März 2015 ist ein trauriges Ereignis. Viele Personen haben durch den Absturz geliebte Menschen verloren und ich möchte hiermit mein Beileid bekunden. Ich weiß, wie es sich anfühlt, einen wichtigen Menschen zu verlieren.

Selbst wenn du niemand durch die Tragödie verloren hast, ist es gut möglich, dass sie dich sehr erschüttert hat. Und auch kann es gut sein, dass du plötzlich eine gewisse Flugangst verspürst.

Doch diese Tragödie und weitere mediale Sensationen wie Ebola, der Untergang der Costa Concordia oder der Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo haben etwas gemeinsam, das wir oft übersehen: Sie sind sehr unwahrscheinliche Ereignisse. (Update: das Gleiche trifft auf die Tragödie vom 19. Dezember 2016 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zu.)

Es ist um ein vielfaches wahrscheinlicher, dass du durch einen Verkehrsunfall stirbst, als durch einen Flugzeugabsturz, einem Terroranschlag, einer Ebola-Infektion oder durch den Untergang einer 290 Meter langen, schwimmenden Vergnügungshalle.

Im Jahr 2014 starben alleine 3368 Menschen auf deutschen Straßen.[1] Im selben Jahr sind durch Unfälle im Flugverkehr weltweit 641 Menschen gestorben.[2] Des Weiteren sind im Jahr 2014 deutlich mehr Menschen durch Verkehrsunfälle in Europa gestorben als weltweit Menschen durch Terroranschläge ihr Leben verloren haben.

Ich reise relativ viel. Und jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, hab ich ein leicht unwohles Gefühl. Doch das Gefühl habe ich nicht, wenn ich in ein Auto steige. Auch habe ich noch nie jemand beten sehen, bevor er in ein Auto steigt, jedoch habe ich schon mehrere Menschen vor dem Start und der Landung in einem Flugzeug beim beten beobachtet. Vor ein paar Tagen schrieb mir eine Leserin, dass ich keine Angst vor Copiloten haben soll und wünschte mir Mut für meinen Rückflug von São Paulo nach Berlin.

Doch warum haben wir so viel mehr Angst vor Flugzeugabstürzen, seltenen Krankheiten oder Terroranschlägen als zum Beispiel vor dem Autofahren, obwohl die Wahrscheinlichkeit, im Straßenverkehr zu sterben, um ein vielfaches höher ist?

Es spiele mehrere Faktoren eine Rolle. Doch größtenteils liegt es daran, dass wir Menschen dazu neigen, die relative Bedeutung von Problemen danach zu beurteilen, wie leicht sie sich aus dem Gedächtnis abrufen lassen.[3]

brain-628736_640Wenn wir die Häufigkeit eines Ereignisses abschätzen, versuchen wir uns an ähnliche Ereignisse zu erinnern. Je schneller und leichter uns diese Einfallen, desto mehr Wahrscheinlichkeit räumen wir dem Ereignis ein – und begehen damit häufig einen systematischen Fehler. Das Phänomen ist auch bekannt als Verfügbarkeitsfehler.

Des Weiteren haben Forscher herausgefunden, dass wenn Menschen sich ein Ereignis leicht vorstellen können, sie die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis auch tatsächlich eintrifft, überschätzen.[4]

Und hier kommen die Medien ins Spiel. Je öfter ein Ereignis in den Medien auftaucht, desto besser können wir uns daran erinnern und desto leichter können wir uns ein ähnliches Szenario vorstellen. Und genau das führt dazu, dass wir die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis eintrifft, um ein vielfaches überschätzen.

Die meisten Medien sind auch nur Unternehmen, die Gewinne einfahren müssen und Tragödien sind nun mal häufig die besten Nachrichten. Flugzeugabstürze, seltene Krankheiten und Terroranschläge sind außergewöhnliche Ereignisse und bekommen viel Aufmerksamkeit.

Wenn du demnächst in ein Flugzeug steigst, wirst du dich sehr wahrscheinlich an den Absturz der Germanwings-Maschine erinnern. Doch es ist eher unwahrscheinlich, dass an einen Unfall denkst, wenn du in dein Auto steigst. Verkehrsunfälle haben nur wenig mediale Präsenz, ein Flugzeugabsturz oder ein Terroranschlag nehmen hingegen tage- oder wochenlang die Medien ein. Und genau das führt dazu, dass wir den Ereignissen falsche Wahrscheinlichkeiten zuschreiben.

Verkehrsunfälle passieren häufiger, tauchen jedoch viel seltener in den Medien auf – und dadurch erscheinen sie vielen Menschen als unwahrscheinlich. Doch im Schnitt sterben pro Tag mehr als 9 Menschen auf deutschen Straßen! Falls du oder ein Bekannter von dir jedoch nicht gerade einen Autounfall hatten, wirst du das Autofahren wahrscheinlich nicht mit einem Unfall in Verbindung bringen. Anders ist es mit dem Fliegen.

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Bedeutung der Nähe des Ereignisses. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dich der Absturz der Germanwings-Maschine mehr betroffen hat, als der als der Absturz des AirAsia-Flug 8501 im Dezember 2014 in Südchinesischen Meer bei dem 162 Menschen ums Leben kamen.

Die Germanwings-Maschine war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf und stürzte in Frankreich ab. Es ist somit wahrscheinlicher, dass du selbst oder jemand denn du kennst, in diesem Flugzeug war, als in einer Maschine am anderen Ende der Welt. Dieser Absturz fühlt sich somit näher und dadurch auch bedrohlicher an, als der im südchinesischen Meer.

Ähnlich ist es mit den Anschlägen auf Charlie Hebdo in Paris. Diese Bedrohung kommt dir wahrscheinlich realer vor und beunruhigt dich mehr, als die vielen Anschläge in Afghanistan. Afghanistan ist weit weg, doch Paris ist nicht weit entfernt und vielleicht warst du auch schon mal dort.

Verstehe mich nicht falsch. Ich möchte die Gefahren durch Flugzeugabstürze, Terroranschläge oder anderen Tragödien nicht herunterspielen. Die Gefahren sind real und Menschen sterben. Doch die Wahrscheinlichkeit, durch so eine Tragödie zu sterben, ist äußerst gering.

So ist das Flugzeug das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel. Und die Wahrscheinlichkeit, in Europa durch einen Terroranschlag oder eine Ebola-Infektion zu sterben, geht gegen Null.

Die Medien liefern uns ein negativ verzerrtes Bild der Realität. Abstürze, Anschläge, Morde und andere Tragödien sind gute Schlagzeilen, doch die meisten Menschen haben gute Absichten und die Welt ist weitaus ungefährlicher, als es uns manchmal scheint.

Doch auch wenn die meisten unserer Ängste größtenteils unberechtigt sind, kommen sie uns verdammt real vor. Und deshalb werde ich wahrscheinlich auch nächste Woche bei meinem Flug von São Paulo nach Berlin wieder ein leicht unwohles Gefühl haben.

[1] www.destatis.de – Statistisches Bundesamt
[2] Statista (2015). Luftverkehrsbranche Deutschland – Statista-Dossier
[3] Kahneman, D. (2012). Thinking, fast and slow
[4] A. Tversky & Kahneman, D. (1973). Availability: A Heursitic for Judgement Frequency and Probability. Cognitive Psychology 5, S. 207-232.

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8 Kommentare
  1. toxic
    toxic says:

    Bingo ! Ich stimme dir zu, die medien halten quasi eine lupe auf negative ereignisse und es kommt einem so vor, als wäre das alltag. da sag ich immer, dass man einfach mal die häufigkeit betrachten sollte, dass die dinge , die millionenfach gut gehen pro tag nie gezeigt werden weil sie keine schlagzeile machen würden und wenn einmal was schiefgeht, wirds überall rauf und runter gespielt. es besteht bei allem immer ein kleines risiko, egal ob auto, fahrrad fahren oder flugzeug, aber sich mal die wahrscheinlichkeit bewusst zu machen zeigt einem dass es weitaus ungefährlicher ist als in der phantasie angenommen. noch dazu würd ich jedem mal raten, 1 woche auf nachrichten zu verzichten und zu spüren, wie viel besser es einem geht..denn im endeffekt kann man ob man es weiß oder nicht sowieso nichts beeinflussen was in der welt vor sich geht und man wird psychisch nur belastet. ja die dinge passieren, aber wenn man eh nichts ändern kann, warum zieht man sich das immer wieder rein und lässt sich stressen? gruß

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    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Toxic,
      sehe ich genauso. Ich verzichte weitestgehend auf Nachrichten. Auch im Internet gucke ich nur selten beim Spiegel oder der Welt vorbei, genau aus dem Grund, denn du nennst. Klar gibt es Gefahren und schreckliche Dinge passieren, doch weitaus weniger und seltener, als uns bewusst ist. Ich denke, wir sollten die Fakten nicht ausblenden und komplett weggucken, doch genauso wenig sollten wir uns verrückt machen lassen. Die meisten Menschen habe gute Absichten und die Welt ist nur halb so grausam, wie uns die Medien darstellen.
      LG

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  2. Kendra
    Kendra says:

    Hallo Anchu,

    ich finde, du hast sehr nachvollziehbar erklärt, warum uns mediale Ereignisse so in Angst versetzen und das Ganze in wenig Relation zu echten Gefahren steht. Sollte echt jeder lesen!
    Kendra

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Kendra,
      danke. Die Medien haben wirklich einen riesen Einfluss auf uns. Ich möchte nicht alles schlecht reden, denn natürlich gibt es auch Vorteile. Doch wir sollten uns dem Einfluss die die Medien auf uns auswirken bewusst sein.
      LG

      Antworten
  3. Liese
    Liese says:

    Hi Anchu,
    na, meine „Gute Reise“Wünschen war als einen halben Witz gemeint….du bist ein sehr logisch denkender Mensch. Ich nicht von der Natur, aber in der letzter Zeit versuche ich auf dieser Art, mich zu ändern. Ich denke immer, na, ich bin hier, im Flugzeug, also LOS!
    Auch gerade beim Zahnarzt-ich überwinde meine Ängste, in dem ich denke, die Hälfte davon ist, dass du es geschafft hast, aus dem Bett, aus dem Haus, hierher zu kommen, oder ins Auto oder Flugzeug überhaupt zu steigen….also, dann bin ich entschlössen, diese Abenteuer zu geniessen….natürlich ist einen Zahnarztbesuch nicht unbedingt ein Vergnügen, aber ich habe bemerkt, wenn man wahrnimmt wie viel Mut man schon hat soweit zu kommen, dann kann man dass zum Ende durchziehen. Und merken wie die Gesellschaften in andere Länder sich auch so verhalten. Auf die Strassen in Indien, zum Bespiel…ist recht gefährlich, aber die sind „Fatalist“ und glaube, wenn es ihre Zeit vorbei ist, dann akzeptieren sie das auch. Mann muss die Zeitung allerdings nicht lesen, die Nachrichten kann man auch leicht vermeiden.

    Mich würde im Moment mehr interessieren, was, als Mann, du halst von dem Thema-wie Männer mit Ihre Schmerz in diese Gesellschaft zu recht kommen. Es ist offensichtlich dass dieser Co-Pilot war deprimiert, und es ist mir schon aufgefallen, dass sowas zwischen zwei Frauen Piloten wahrscheinlich nie passieren würde, da als Frau spürt man viel schneller wenn was psychologisch nicht stimmt. Ist aber nur meine Meinung…….interessanterweise, hat der Mann genau diese Ängste seine Freundin verraten, aber wahrscheinlich nie die anderen im Fluggesellschaft-die hauptsächtlich Männer sind. Mich interessiert diese Dynamik-zwischen was Männer im Alltag offensichtlich zeigen dürfen und was nicht, oder wieviel- und wie die damit umgehen.

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    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Liese,
      mir war schon klar, dass das halb ironische gemeint war. Doch ich fand es trotzdem interessant und es hat gut zu dem Artikel gepasst.
      Eines der „Männerprobleme“ ist, dass viele Männer nicht offen über ihre Probleme reden können. Eine der großen, oftmals versteckten Ängste von Männern ist schwach zu wirken. Sie reden also selten über ihre Probleme, weil sie glauben, dass wäre schwach und ein Mann sollte alles alleine lösen – was natürlich totaler Blödsinn ist. So beghen in Deutschland Männer dreimal so häufig Selbstmord wie Frauen und haben auch viel häufiger Alkoholprobleme als diese. Ich denke, das ist eine der Ursachen.
      LG

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  4. Ka
    Ka says:

    Mittlerweile gibt es auch andere journalistische Ansätze: Perspective Daily zum Beispiel veröffentlicht nur einen Artikel pro (Werk-)Tag, dafür zu einem relevanten Thema und auch ohne Hintergrundwissen verständlich – und das Besondere: zukunftsorientiert. Es geht nicht darum, jede Tragödie zu erwähnen, sondern zu fragen, wie es weitergehen könnte und Lösungen aufzuzeigen. Das ist das Prinzip von konstruktivem Journalismus. Finanziert wird das über zahlende Mitglieder, sodass es auch nicht wichtig ist, durch schockierende Themen Klicks für Werbung zu generieren.

    Ich bin übrigens seit ca. 6 Monaten Abonnentin (für 60 € im Jahr) – bekomme aber keine Vorteile durchs Werbung machen :).

    Perspective Daily in 86 Sekunden: https://www.youtube.com/watch?v=QQydr8779DA

    Probeartikel, Newsletter mit einem kostenlosen Artikel pro Woche und weitere Infos: https://perspective-daily.de/

    Der „Ignoranz-Test“ zeigt, wie Menschen durch die Medien ein völlig falsches Bild der Welt haben: https://perspective-daily.de/konstruktiver_journalismus/ignorieren_wir_probleme_oder_fortschritte

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