Offene Beziehung: Vorteile, Nachteile und Herausforderungen [Gastartikel]

14218099_10210678776429641_1819275117_nDas Thema offene Beziehung ist ziemlich emotional, da dieses Beziehungsmodell manche begeistert und gleichzeitig enorm gegen die Werte vieler anderer verstößt. Das führt dazu, dass sich häufig zwei quasi verfeindete Lager gegenüberstehen die dann beispielsweise auf Facebook Diskussionen führen, die schnell arg unsachlich werden.

Ich finde:

Der Ansatz, die perfekte (Beziehungs)Lösung für alle zu suchen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt! Generell schadet es also nicht, spannenden Themen tolerant gegenüberzutreten und sie zunächst unvoreingenommen zu betrachten.

Wenn du dir noch unsicher bist, ob eine offene Beziehung für dich passen könnte, ist das zudem der beste Weg zu einer nachhaltigen Entscheidung, mit der du dich gut fühlst – und im Optimalfall auch dein Partner.

Ein klarer Blick auf reale Herausforderungen

Ich werde das Modell der offenen Beziehung also weder loben, noch schlecht reden. Stattdessen werde ich einen genauen Blick darauf werfen und dir einen Überblick über die realen Herausforderungen geben, die dich erwarten – inklusive möglicher Lösungsansätze.

Alle Erfahrungen und Lösungsansätze stammen dabei aus meiner Arbeit mit Klienten, die sich selbst mit offenen Beziehungen befasst haben und die ich auf diesem Weg begleiten durfte.

Vorab noch eine kurze Bemerkung: Wenn du bis zum Ende liest, wirst mit einem eBook belohnt, mit dem du den nächsten Schritt kannst: Ganz konkret herausfinden, ob eine offene Beziehung zu dir passt!

Offene Beziehung: Chancen und potenzielle Vorteile

Auch wenn das Modell einer offenen Beziehung stark polarisiert: Da es Menschen gibt, die diesen Weg gehen und damit glücklich sind, muss es auch Begeisterungspotenzial und handfeste Vorteile geben. Hier ein kurzer Überblick über drei Punkte, die in Gesprächen dazu häufig angeführt werden:

  1. Zuerst erscheint die Möglichkeit extrem verheißungsvoll, auch mit anderen Menschen außer dem Partner Sex haben zu können, ohne auf die Vorteile einer Partnerschaft verzichten zu müssen
  2. Den meisten Menschen ist intuitiv klar, dass Seitensprünge auch trotz bester Absichten passieren können, da Menschen fehlbar sind. In einer offenen Beziehung fehlt dann die Gefahr, dass ein Seitensprung die Beziehung zerstören kann
  3. Vor allem rationalere Geister finden oft, dass es ethisch nicht korrekt sei, anderen Menschen vorzuschreiben, mit wem sie Sex haben dürfen. Wer so denkt und konsequent bleiben möchte, kommt natürlich nicht darum herum, ein erzwungenes oder implizites Treueversprechen á la „du hast aber ausschließlich mit mir Sex und ich auch nur mit dir“ auszuschließen

Auf der Seite der Vorteile einer offenen Beziehung gibt es also definitiv ein paar Einträge zu verbuchen. Aber wie sieht es auf der Seite der Risiken aus?

Mythen und scheinbare Risiken

Potenzielle Risiken werden (leider) meistens von Leuten hervorgebracht, die dem Thema von vornherein mit Ablehnung begegnen. Daraus entstehen dann häufig oberflächliche Vorurteile und Stereotypen. Hier eine kleine Auswahl:

  • Menschen in offenen Beziehungen gehen sich fremd, das zerstört die Liebe!
  • Niemand findet es in Ordnung, wenn der Partner Sex mit anderen hat. Da lässt sich sowieso immer einer unterbuttern, der das dann dem Partner zuliebe erträgt.
  • Nur Menschen mit Bindungsangst führen eine offene Beziehung – insgeheim suchen die doch sowieso nach einem Partner, der noch besser passt.
  • Sexualität sollte nur innerhalb der Partnerschaft ausgelebt werden, alles andere ist unmoralisch.

Der Standpunkt, einer offenen Beziehung ablehnend gegenüber zu stehen, ist natürlich absolut in Ordnung. Für Menschen, die sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob eine offene Beziehung gut zu ihren Bedürfnissen passen könnte, wäre eine andere Perspektive zu Risiken allerdings hilfreicher:

Nämlich die von Leuten, die das Thema aus eigener Erfahrung kennen, die den Weg der offenen Beziehung seit einiger Zeit gehen und die bereits mit real auftretenden Hürden konfrontiert wurden.

Herausforderungen einer offenen Beziehung

Gehen wir also einen Schritt von den Mythen weg und werfen wir stattdessen einen Weg auf reale Risiken.

Diese sind etwas schwieriger herauszufinden, da im Vergleich zur Gesamtbevölkerung recht wenige Menschen offen lieben. Die größte Studie zu diesem Thema geht von ungefähr einem Prozent der Paare aus, in deren Beziehung sexuelle Treue explizit keine Rolle spielt (Quelle: https://www.theratalk.de/studie_offene_partnerschaft_beziehung.html).

Der Blick auf die tatsächlichen Herausforderungen ist also aufschlussreicher. Gehen wir die wichtigsten kurz durch:

Herausforderung #1: Eifersucht

So gut wie niemandem, der in einer hochzivilisierten Gesellschaft aufwächst, fällt der Gedanke leicht, dass der eigene Partner auch andere Menschen begehrenswert findet. Ganz zu schweigen von der Vorstellung, dass der eigene Partner mit einem solchen Menschen auch tatsächlich noch Sex haben könnte!

Aus meiner Sicht hat das drei wesentliche Gründe:

  1. Die wenigsten Menschen wachsen in dem Bewusstsein auf, sehr wertvoll und bedingungslos liebenswert zu sein (daher auch die häufige Tendenz des Klammerns)
  2. Wir bekommen ein mindestens durchwachsenes, oft sogar sehr negatives Bild von Sexualität vermittelt: In einer Partnerschaft ist Sex mittlerweile auch ohne den direkten Zweck der Nachwuchszeugung anerkannt, aber man spricht trotzdem noch nicht offen darüber, erst Recht nicht mit Außenstehenden. Sex außerhalb der Partnerschaft ist – so die Norm – nach wie vor etwas Schmutziges und Verbotenes. Trotz sexueller Revolution: So liberal, wie wir uns selbst gerne sehen, sind wir da noch nicht
  3. Kapitalismus und Besitzdenken sind zwar vor allem ein politisches Thema, machen auch vor der Liebe nicht halt: Unseren (antrainierten) Wunsch danach, Materielles besitzen zu wollen, übertragen viele mindestens unbewusst auf den Partner, der ihnen dann ganz allein gehören soll. Der Gedanke, dass der Partner sich frei für oder gegen sexuelle Treue entscheiden darf, ist für viele schwer zu ertragen

Wer sich nun auf eine offene Beziehung einlässt, tut gut daran, der Eifersucht einiges an geistigen Kapazitäten zu widmen – denn ohne Klärung dieses Themas, wird die offene Beziehung scheitern. Entweder, weil die Frequenz an Konflikten, für die Eifersucht garantiert sorgt, irgendwann so hoch wird, dass schöne Erlebnisse mit dem Partner in der Wahrnehmung unter den Tisch fallen.

Oder, weil irgendwann einer der Partner die quälende Eifersucht dem anderen Partner und der Beziehung zuliebe still erträgt (siehe auch Herausforderung #5!).

Wie lässt sich Eifersucht in einer offenen Beziehung überwinden?

Die Antwort auf diese Frage findet sich ebenfalls in den drei vorhin genannten Punkten, zu denen eine individuelle und stimmige Lösung gefunden werden muss. Beispiele:

  1. Wer es schafft, sich zu mehr Selbstliebe und Selbstwertgefühl zu verhelfen, fühlt sich weniger bedroht, wenn klar wird, dass der Partner auch andere Menschen interessant findet (was sowieso meistens der Fall ist). Ob dann mit einem gesunden Selbstwertgefühl auch die Beziehung geöffnet werden soll, ist natürlich eine andere Frage. Auch konventionelle Beziehungen profitieren aber von einer Beschäftigung mit Selbstliebe
  2. Wer einen Weg findet, Sexualität als etwas zu sehen, was sich aktiv gestalten lässt, kommt sowohl mit deren destruktiven, als auch mit deren positiven Seite klar. Das ebnet den Weg zu der Perspektive von Mitfreude: Wenn Sex außerhalb der Partnerschaft nicht länger etwas Negatives ist, lassen sich sogar Vorteile in der intimen Begegnung des Partners mit anderen Menschen sehen (Zufriedenheit des Partners, gemeinsamer Gewinn an Erfahrungen, Verteilung der Bedürfnisse auf mehrere Menschen)
  3. Wer sich bewusst macht, dass der Partner nicht Teil des persönlichen Besitzes ist, kann leichter loslassen, einfacher Konflikte zulassen und Herausforderungen in der Beziehung konstruktiv begegnen. Auch hiervon profitiert jede Art von Beziehung

Zusammengefasst: Soll die offene Beziehung langfristig andauern, führt der einzige Weg weg von Eifersucht und hin zur Mitfreude. Eifersucht direkt zu überwinden, ist dabei aber ein schwieriges Unterfangen – mehr Sinn macht es, sich der Beseitigung von deren Ursachen zu widmen.

Herausforderung #2: Die Vorgeschichte des Seitensprungs

Die spannendere Frage ist aber, aus welchen Gründen in monogamen Beziehungen Seitensprünge stattfinden. Nicht immer ist das lediglich ein mehr oder weniger legitimer Wunsch nach sexueller Abwechslung. Auch andere Faktoren können hier mit hineinspielen, die dann in einer offenen Beziehung genauso vorkommen können:

  • Der Wunsch nach Selbstbestätigung. In offenen Beziehungen führt das bisweilen dazu, dass die sexuellen Freiheiten sehr stark genutzt werden und die eigentliche Beziehung Gefahr läuft, vernachlässigt zu werden. Die Motivation ist verständlich, aber hilfreicher ist es natürlich, sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen, die der starke Wunsch nach Selbstbestätigung hat, anstatt sich mit den anstrengenden Folgen zu beschäftigen
  • Eine dysfunktionale Paarsexualität. Wenn es im Bett nicht mehr läuft, hilft es auch nur kurzfristig weiter, sich mit anderen auszuleben. Ich nehme hier natürlich Absprachen aus, in denen einer der Partner aus gesundheitlichen Gründen keinen sexuellen Kontakt eingehen kann und dem Partner das aber nicht verwehren möchte
  • Die Suche nach einem Trennungsgrund. Auch diese versteckte Agenda steckt häufig hinter einem Seitensprung. Und übrigens auch häufig hinter der Forderung nach einer offenen Beziehung, denn wenn man es darauf anlegt, lässt sich hier natürlich ein enormes Konfliktpotenzial zünden

Es gibt natürlich noch viele weitere Ursachen für Seitensprünge, die auch in offenen Beziehungen für Probleme sorgen können. Generell gilt daher: Fast jedes Problem, das in einer herkömmlichen Beziehung vorkommt, kann auch in einer offenen Beziehung auftauchen. Sei es Eifersucht, eine schwierige Kommunikation, Arbeitslosigkeit oder Krankheit eines Partners.

Eine offene Beziehung ist ein Beziehungsmodell, niemals aber eine Problemlösung!

Herausforderung #3: Schlechtes Zeitmanagement

Wer pro Woche drei Dates unterbekommen möchte (s. auch Selbstbestätigung im oberen Punkt), berufliche Ambitionen hat und gleichzeitig noch Quality Time mit dem Partner verbringen möchte, stößt hier schnell an sein Limit.

Auch hier hilft es also, klare Prioritäten zu setzen und einen guten Draht zu den eigenen, wirklichen Bedürfnissen zu haben. Auch die verschiedenen Lebensbereiche wie Arbeit, Freunde, Familie und Hobbys sollten sich im Einklang befinden.

Wer sich unsicher ist, ob der eigene Entwicklungsgrad (in der Psychologie übrigens als Differenzierung bezeichnet) genügt, dem empfehle ich einen selbstkritischen Rundumblick und den Hinweis, dass es durchaus ein Zeichen von Rücksichtnahme auf sich selbst sein kann, die Öffnung der Beziehung zumindest etwas zu verschieben.

Übrigens möchte ich damit nicht sagen, dass Paare in offenen Beziehungen in irgendeiner Art grundsätzlich weiter entwickelt oder reifer wären, als Paare in monogamen Beziehungen.

Herausforderung #4: Entfremdung der Partner

Funktioniert etwa das Zeitmanagement nicht oder kann Partner das hohe Bedürfnis nach Selbstbestätigung des anderen Partners nicht erfüllen, entfernen sich die Partner in einer offenen Beziehung bisweilen voneinander.

Das führt dann zu einem Verlust von Intimität. Der eigene Partner kommt einem immer häufiger unbekannt vor, körperliche Nähe scheint weniger selbstverständlich und auch das gegenseitige Vertrauen leidet.

Gerade auf sexueller Ebene bemerken Betroffene das häufig. Denn die Art von Sex, die auf spontaner Erregung und Attraktion beruht, wird zwar mit anderen ausgelebt, funktioniert aber auf Dauer nicht (alleine) in einer langfristigen Partnerschaft.

Hier gerät daher schnell eine liebevolle, auf Intimität und Nähe basierende Sexualität aus dem Blick, was das zugrundeliegende Problem der Entfremdung natürlich weiter verschärft.

Herausforderung #5: Fehlender Austausch über Bedürfnisse

Viele Paare, die vor der Entscheidung stehen, eine offene oder eine monogame Beziehung zu führen, glauben, dass dies eine Entscheidung für die Ewigkeit wäre.

Ich denke, dass die Vereinbarungen, die ein Paar über das Modell der Partnerschaft trifft, vor allem den Zweck haben sollten, den Bedürfnissen der beiden gerecht zu werden. Da sich Bedürfnisse ändern, ist es wichtig, sich auch regelmäßig über diese auszutauschen.

Insofern empfehle ich, von vorneherein die Möglichkeit anzusprechen, dass die offene Beziehung nicht zwangsweise immer offen bleiben muss. Denn bisweilen passiert es, dass einer der Partner die Offenheit aufgrund von Verlustangst dem anderen Partner zuliebe erträgt – was natürlich keine Grundlage für eine langfristige Beziehung mit zwei gesunden Partnern sein kann.

Herausforderung #6: Das Gewöhnungsmoment

Klar, am Anfang ist eine offene Beziehung etwas Aufregendes. Oft verspüren beide Partner ein Kribbeln, wie man es von Verliebtheit oder sexueller Erregung kennt. Und ein solches Experiment erfordert Mut und kann Partner zusammenschweißen.

Diese Stimmung hält natürlich nicht ewig an – was dann zum Problem wird, wenn die Partner es versäumt haben, die eigene Beziehung auch über andere Faktoren, als über die Offenheit definiert zu haben. Wesentliche Punkte können zum Beispiel sein:

  • Gemeinsame Werte wie Respekt, Ehrlichkeit, Verantwortung
  • Ähnliche Charaktereigenschaften wie Neugier, Aufgeschlossenheit, Veränderungsbereitschaft
  • Sich überschneidende Interessen in Bereichen wie Sport, Musik, Kunst, Freizeit
  • Eine kompatible Zukunfts- oder Beziehungsvision – wie denken die Partner über Kinder, Familie, Zusammenwohnen?

Es spricht natürlich nichts dagegen, den spannenden Anfang einer offenen Beziehung in vollen Zügen auszukosten. Aber nach einer gewissen Zeit dürfen auch andere Aspekte der Beziehung wieder eine Rolle spielen.

Fazit

Ich habe dir keinen Einblick in die Herausforderungen einer offenen Beziehung gegeben, um Angst zu verbreiten, im Gegenteil. Aber wer eine nachhaltige Entscheidung treffen will, kann sich diese durch ein paar Infos und Erfahrungsberichte einfacher machen – und ist dadurch schlicht besser vorbereitet. Insofern empfehle ich als ergänzende Maßnahme auch immer, sich mit Paaren auszutauschen, die schon länger in einer offenen Beziehung leben – etwa in einschlägigen Foren.

Wenn die wichtigsten Dinge dann geklärt sind, steht für diejenigen, die immer noch interessiert sind, eine Entscheidung an. Falls das bei dir der Fall ist, möchte ich dir zwei Dinge ans Herz legen:

  1. Hier kannst du dir meinen 5-Minuten-Impuls herunterladen: Offene Beziehung: So klärst du in 4 Schritten, ob sie zu dir passt!
  2. Da eine offene Beziehung gerade zu Beginn viel Mut erfordert, ist auch Anchus Kurs eine sinnvolle Begleitung: Hier geht’s zum Ängste-überwinden-Kurs

Egal, wie du dich entscheidest, ich wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß auf dem Weg zu deiner glücklichen, aber nicht zu perfekten Beziehung!

Dein Nils

Über den Gastautor

14256503_10210678713068057_122791359_nNils Terborg ist ein Um-die-Ecke-Denker, der vor allem scheinbar klaren Dingen gerne auf den Grund geht. In seinen Büchern, Artikeln und Coachings begleitet er Menschen dabei, Einklang zwischen Denken und Fühlen zu bringen und so zur glücklichen, aber nicht zu perfekten Beziehung zu finden.

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Artikelbild: © Daniel Ernst

8 Kommentare
  1. Anchu Kögl
    Anchu Kögl says:

    Hi Nils,
    danke für den aufschlussreichen Artikel.
    Ich hab ja einiges über das Thema gelesen. Immer mehr Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass der Mensch an sich nicht monogam ist. Auch ist Monogamie eine relativ neue Beziehungsform. Deshalb ist es umso interessanter, dass die meisten Menschen Monogamie für die natürliche Beziehungsform halten.
    LG

    Antworten
    • Nils Terborg
      Nils Terborg says:

      Hi Anchu,

      danke für die Rückmeldung! Ich sehe den Menschen als ein Wesen an, dass von Biologie, Psychologie und Soziologie beeinflusst wird. Ungefähr vermutlich zu drei mehr oder weniger gleichen Teilen, aber dazu gibt (es) noch keine einheitlichen Forschungsergebnisse und ich denke, dass individuelle Schwankungen normal sind. Wir sollten die Biologie des Menschen also nicht völlig ignorieren, aber auch nicht isoliert betrachten – mit deinen Ausführungen hast du aber prinzipiell recht.

      Davon abgesehen finde ich extreme Lösungen (Monogame Beziehung, die durch einen Seitensprung extrem gefährdet ist vs. offene Beziehung um jeden Preis) genauso wie Zwang selten funktionial. Ich empfehle daher immer, die Frage „Welche Beziehungsform ist normal/natürlich?“ durch die Frage „Welche Beziehungsform passt für mich?“ zu ersetzen – und diese regelmäßig zu stellen. Denn in der heutigen Zeit ändern sich Umgebungsvariablen (=psychologische und soziologische Anforderungen) viel schneller, als die biologischen Grundlagen.

      Ich hoffe, das hilft etwas weiter!

      LG, Nils

      Antworten
  2. Dirk
    Dirk says:

    Ich finde es gut, dass hier Pro und Kontra so nüchtern abgewogen werden. Ein Aspekt fehlt mir nur und ich weiß nicht, wie ich mit dem umgehen würde: Mein Partner kommt nach hause und wir küssen uns. Die Vorstellung, dass ich einen Mund küsse, der vor einer Stunde noch dem Mund eines Anderen geküsst hat, finde ich irgendwie abstoßend. Diese Empfindung gilt auch für andere Intimitäten. 🙂

    Antworten
    • Nils Terborg
      Nils Terborg says:

      Hi Dirk,

      das ist ein guter Punkt, den ich thematisch auch unter Sex und Zärtlichkeiten einordnen würde. Wenn es für dich etwas Schlimmes/Schmutziges/Ekliges ist, dann wirst du den Gedanken daran, dass deine Partnerin jemand anderen küsst, vermutlich niemals neutral oder in Ordnung (oder sogar anregend 🙂 ) finden.

      Das so zu empfinden ist ja auch in Ordnung, die Frage ist, wie du das für dich stimmig gestalten kannst. Vorher Zähne putzen oder eine ähnliche pragmatische Lösung? Treffen direkt nach „Austausch“ mit anderen meiden und erst am nächsten Tag sehen?

      Guter Gedanke auf jeden Fall! Mehr Infos dazu findest du auch hier noch: http://nilsterborg.de/wie-funktioniert-eine-offene-beziehung/

      LG, Nils

      Antworten
      • Dirk
        Dirk says:

        Herausgefunden habe ich jetzt, dass ich nicht der Typ dafür bin. Da hat die Kultur ganze Arbeit geleistet. Ich lebe sehr minimalistisch und lebe nach Zen. Für mich ist Frugalität ein Lebensmotto. Das bezieht sich auch auf Sexualität. Und weil ich so lebe und denke, stelle ich mir auch hier die Frage, warum es für manche wichtig mit vielen Frauen/Männern Sex zu haben. Aus meiner Sicht handelt es sich um Bedürfnisbefriedigung mit Öffnung eines weiten Feldes an Konfliktpotential. Ich finde also, dass die Kosten sehr hoch sein können. Ich will die Idee aber definitiv nicht schlecht machen! Was ich aberbein wenig bemängeln muss, ist, dass Du in dem Ratgeber schreibst, dass die meisten geschlossenen Beziehungen wenig erfolgreich sind. Das hab ich im Umkehrschluss so interpretiert, als würdest Du postulieren, dass offene erfolgreicher sind. Wenn eine Beziehung nicht erfolgreich ist, liegt das meiner Meinung nach am wenigsten an sexuellem Frust. Letzterer ist eher die Folge von unreflektiertheit bei mindestens einem der Partner.

        Antworten
        • Nils Terborg
          Nils Terborg says:

          Hi Dirk,

          ich stimme dir da im Großen und Ganzen einfach mal zu. Zu deiner kritischen Anmerkung: Ich habe gerade nochmal gesucht, was ich da geschrieben habe, konnte das aber nicht finden. Hilfst du mir weiter? Trotzdem hier die Klarstellung:

          Ich bemerke tatsächlich, dass viele Beziehungen aus Sicht der Beteiligten wenig erfolgreich zu sein scheinen – ich bekomme das aber natürlich auch vor allem von Leuten zurückgemeldet, die mich kontaktieren. Was sie nicht tun, wenn alles rund läuft. Meine Sicht ist also etwas subjektiv. Auf keinen Fall möchte ich behaupten, dass offene Beziehungen per se besser funktionieren würden (oder gar „besser wären“) als herkömmliche Beziehungen. Das ist erstens nicht so und suggeriert zweitens eine Einheitlichkeit, die sich so auch nicht unterstellen lässt.

          Die Gründe für unglückliche Beziehungen sind natürlich vielfältig, das gilt für offene und nicht offene Beziehungen 🙂

          LG, Nils

          Antworten
  3. Andy
    Andy says:

    Sehr cooler und aufschlussreicher Artikel.

    Ich habe mich vor paar Monaten in eine offene Beziehung gestürzt, weil ich mir mit meiner bis dahin Affäre einig war, dass wir uns gerade in unserer Freiheitsliebe so gut verstehen und uns mit konventionellen monogamen Beziehungen eher schwer tun. Leider hab ich erst dann begreifen müssen, dass offene Beziehungen eigentlich genauso viel oder noch mehr „Beziehungsfähigkeit“ abfordern wie die monogame Form und dadurch nicht so einfach und automatisch ein lässiges Weiterleben der Affäre mit den Vorteilen einer liebevollen Partnerschaft erreicht wird. Aber man wird ja mal bisschen träumen dürfen, besonders wenn man verliebt ist;)

    Auf alle Fälle fettes Danke für den Artikel, lässt mich meine Erfahrungen besser verstehen und gelassener damit umgehen.

    Beste Grüße
    Andy

    Antworten

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