Warum es wichtig ist, Demut zu lernen

Das ist ein Gastartikel von Bernita Müller. Mehr über sie erfährst du am Ende des Artikels.

Demut ist ein altmodischer Begriff. Wir denken sofort an eine Zeit, in der das Individuum nichts galt. An untertänige Bittsteller, die vor ihren Herren knien.

Aber echte Demut ist etwas ganz anderes.

Sie ist ein Ausdruck wahrer Größe…

Demut vs. Demütigung

Treten wir einen Schritt zurück. Was bedeutet Demut ganz objektiv betrachtet?

Laut Duden ist Demut „in der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründete Ergebenheit.“

Will sagen: Man akzeptiert die Dinge so, wie sie sind. Und das kann zweierlei bedeuten.

  1. Falsche Demut lässt sich mit Füßen treten oder ordnet sich sozialer Ungerechtigkeit unter. Aus Mangel an Stärke erniedrigt man sich selbst – und knirscht heimlich mit den Zähnen. Mit echter Hingabe hat das nichts zu tun.
  2. Wahre Demut erkennt, dass es etwas Größeres gibt als das eigene Ego. Etwas, für das es sich zu leben lohnt. Dieses Gefühl hebt den Menschen aus seinem Alltag heraus. Indem er sich mit etwas Höherem verbindet, spürt der Mensch diese Größe auch in sich selbst. Das ist kein abstraktes Gedankenkonstrukt, sondern eine urmenschliche Erfahrung.

Echte Demut im Alltag

Viele Menschen sind gerne in der Natur. Wenn du auf dem Gipfel eines Berges stehst und ins weite Umland blickst, spürst du etwas. Oder wenn du die letzten Sonnenstrahlen beobachtest, die sanft über das Meer streifen.

Doch bevor man das Gefühl zu fassen bekommt, ist es schon wieder verschwunden.

Was steckt dahinter?

Anstelle der Konzepte, die wir von uns selbst haben, tritt die Größe der Natur. Unsere Probleme sind verschwunden und eine unbekannte Kraft betritt die Bühne. Erfahrungen dieser Art gibt es in tausend Facetten.

(Bildquelle: © istockphoto, Io Purice)

Ich erinnere mich zum Beispiel daran, als ich auf dem Deck eines grönländischen Bootes stand.

Weil es in der Gegend Wale gab, schaute ich gespannt auf das Meer. Der Motor brummte und es wehte ein kühler Wind um meine Nase. Die Eisberge leuchteten im Schein der Sonne und das immer gleiche Spiel der Wellen schien kein Ende zu nehmen. Dann geschah es.

Langsam glitt ein grauer Rücken aus dem Wasser, dann tauchte eine Flosse auf.

Ich sah gebannt hin. Und schon schoss ein rund 15 Meter großer Buckelwal aus dem Meer, um sich rücklings wieder in die Tiefen zu stürzen. Auch als er längst verschwunden war, blickte ich immer noch auf die Wellen. Die Kraft dieses riesigen Tieres hatte mich zu sehr in den Bann gezogen.

Auch in Asien lernte ich eine Lektion in Sachen Demut.

Als ich durch Bhutan reiste, legte ich einen Teil des Weges zu Pferd zurück. Ich ritt durch meine Lieblingsregion Bhumthang, in der es viele Klöster gibt. Die weiten Täler sind von grünen Bergen gesäumt und immer wieder tauchen beschauliche Dörfer auf.

Als wir in eine abgelegene Ortschaft ritten, sah ich einen Mann mittleren Alters am Straßenrand. Er schaute still zu uns herüber.

Eine kleine Gruppe bhutanesischer Männer und eine weiße Frau mussten Aufmerksamkeit erregen. Als ich an ihm vorbeiritt, zog er seinen Hut vor mir.

Ich stutzte. Das war mir noch nie passiert.

Anstatt die Fremde neugierig zu beäugen oder ihr Misstrauen entgegenzubringen, empfand er nur Respekt. Auch diese Haltung war Ausdruck innerer Größe.

Ich in Bhutan. Ich denke, du erkennst mich…

5 Wege, Demut zu erlernen

Wahre Demut ist ein urmenschliches Gefühl, aber man muss es kultivieren, wenn es zur Blüte kommen soll.

Zwar schätzen Psychologen diese Tugend. Auch bei Politikern ist sie gern gesehen. Aber die wenigsten Menschen haben gelernt, sie bewusst in ihr Leben zu integrieren.

Dass es sich lohnt, wusste schon der Augustiner-Chorherr Thomas von Kempen:

„Wo Demut ist, da ist steter Friede; wo aber der Stolz herrscht, da ist Eifersucht; da ist Zorn und eine ganze Hölle voller Unruhe.“

Es gibt viele Möglichkeiten, mehr Demut in sein Leben zu bringen. Hier ist eine kleine Auswahl.

1. Sich selbst nicht so wichtig nehmen

Wer stets um das eigene Wohlergehen besorgt ist, lebt immer in der Angst, zu kurz zu kommen. Demut bedeutet aber, etwas Abstand von sich selbst zu gewinnen. Das gelingt leichter, wenn man das Leben als Geschenk betrachtet. Und zwar mit allem, was dazu gehört.

Wer auch traurigen Stunden einen Sinn geben kann, fürchtet sie nicht. Und wer keine Angst vor Schmerz hat, sorgt sich weniger. Er lebt nicht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern um zu leben.

2. Die eigenen Fehler annehmen

Jeder Mensch hat Fehler. Auch dann, wenn er alles daran gibt, perfekt zu sein.

Dahinter steckt oft der Wunsch, sich selbst annehmen zu können. Doch das wird nie passieren, wenn die Selbstliebe an so harte Bedingungen geknüpft ist.

Vom Podest zu steigen und seine eigenen Fehler zu erkennen, mag erst einmal weh tun. Wer sie aber annimmt, schwingt sich zu unbekannter Größe auf. Auch das ist Demut.

3. Andere wirklich sehen

Menschen, die voller Stolz und Selbstsucht sind, können nur schwer echte Verbindungen zu anderen Menschen aufbauen. Nimmt man sich selbst etwas zurück, tritt der andere umso deutlicher in Erscheinung.

Dann können wir ihn mit all seinen Stärken und Schwächen sehen. Indem wir ihm Raum geben, haben wir auch selbst mehr Luft zum Atmen.

4. Freundlich „Nein“ sagen

Demut zu leben, bedeutet nicht, immer nur „Ja“ zu sagen. Wenn etwas falsch läuft oder Grenzen überschritten werden, besteht Gesprächsbedarf.

Wer sich in Demut übt, wird sich allerdings nicht blinder Raserei hingeben. Er wird versuchen, die Situation neutral einzuschätzen. Und ein Urteil zu fällen, ohne den eigenen Vorteil in den Mittelpunkt zu stellen.

Er wird freundlich bleiben, den anderen in seinem Anderssein erkennen und das äußern, was für alle das Beste ist. Manchmal ist das ein klares „Nein“, manchmal aber auch ein liebevoller Tritt in den Hintern.

5. Selbstlos handeln

Manche Menschen verlieren sich in ihren Wünschen. Sie wissen nicht, was sie wollen, oder jagen unrealistischen Erwartungen hinterher.

Dann kann es helfen, kurz innezuhalten und sich zu fragen, was denn das Beste für alle wäre.

Sich selbst aufzuopfern, bis gar nichts mehr übrig ist, gehört wohl eher nicht dazu. Genauso wenig, wie blind der eigenen Gier zu folgen.

In diesem Sinne bedeutet Demut, die Situation von einer höheren Warte aus zu betrachten und so zu erkennen, was dem Leben am besten dient.

Fazit

Demut ist eine vergessene Tugend, die unser Leben bereichern kann. Sie ist so vielfältig, dass der Schlussstein dieses Textes nur das Fundament für neue Diskussionen legen kann.

Solang sich der Mensch an seinem Stolz reibt, wird die Demut ihm als Wegweiser dienen können. Wie würde eine Welt aussehen, in der mehr Platz für diese Haltung ist?

Für Experimente im Kleinen muss man noch nicht einmal vor die Tür gehen…

Über die Autorin

Bernita Müller machte einige Ausbildungen im therapeutischen Bereich und organisiert gemeinsam mit ihrer Schwester Michaela Müller Seminare für Menschen, die über den Tellerrand blicken möchten.

Dazu gehören zum Beispiel Meditationswochenenden in Deutschland, achtsame Wanderungen in Spanien oder Ashram-Aufenthalte in Indien.

Mehr unter www.wainando.de

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