10 Dinge, die ich in einem Jahr ohne Alkohol gelernt habe

Eine leicht abgeänderte Version dieses Artikels ist Anfang dieses Jahres im Stern erschienen. Der Artikel wurde mehrere tausendmal auf Facebook geteilt.

Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich habe das ganze Jahr 2016 auf Alkohol verzichtet.

Nicht ein Schluck Bier oder Wein, keine exotischen Cocktails mit exotischen Namen, keine Gin-Tonics und keine Caipirinhas. Noch nicht einmal an einer Praline mit Schnapsfüllung hab ich mich vergangen.

Ich war der einzige nüchterne Gast auf einer Hochzeit eines Freundes in Spanien, ich habe an meinem Geburtstag mit Tee angestoßen und ich habe auf Dates alkoholfreies Bier getrunken.

Ob ich stolz auf mich bin? Verdammt, ja!

Die meisten Menschen vergessen ihre Neujahrsvorsätze schneller als den letzten Gewinner von Germanys Next Topmodel. Doch ich habe durchgehalten. Ein ganzes Jahr lang.

Für viele Menschen ist der Konsum von Alkohol so selbstverständlich wie Pornos für Jugendliche. Alkohol ist ein soziales Schmiermittel, ein Stimmungsmacher, ein Sorgenvergesser. Und ja, Alkohol ist die Volksdroge Nummer eins.

Auch für mich war Alkohol lange Zeit selbstverständlich. Ob auf Partys, beim Grillen mit Freunden, auf Dates oder beim schicken Italiener um die Ecke.

Doch was passiert, wenn man ein Jahr lang keinen Alkohol trinkt? Verändert sich etwas?

Ja, sogar verdammt viel!

Ich habe in meinem Alkoholfreien Jahr 10 wichtige Dinge gelernt. Einige dieser Dinge waren überraschend, manche skurril und andere wiederum haben mein Leben verändert.

1. Ich habe aufgehört, davonzurennen

Die meisten haben es schon mal getan. Trinken, um zu vergessen, zu verdrängen oder etwas nicht spüren zu wollen.

Alkohol hilft, kurzfristig unangenehme Gefühle und Situationen zu bewältigen.

Viele Menschen trinken – oder besser gesagt, saufen – jedes Wochenende, um zu verdrängen, was für ein beschissenes, langweiliges und eintöniges Leben sie von Montag bis Freitag führen.

Viele Männer trinken auf Partys, damit sie endlich mal den Mut haben, eine Frau anzusprechen. Und nicht wenige Frauen trinken vor dem ersten Mal Sex mit einem neuen Mann, um entspannter zu sein.

Ich erinnere mich an ein Date mit einer jungen Ukrainerin letzten Sommer in Kiew. Wir kochten etwas bei mir zuhause und wussten beide, worauf es hinauslaufen würden. Ich war sehr entspannt, sie war sehr angespannt. Sie musste eine komplette Flasche Rotwein trinken, bevor sie mit mir ins Bett konnte. (Und falls du denkst, dass das daran lag, dass sie unattraktiv war: weit gefehlt! Sie ist eine äußerst attraktive Frau.)

Nur allzu gerne betäuben wir unsere Ängste mit Alkohol und benutzen ihn, um unangenehmen Gefühlen und Situationen aus dem Weg zu gehen.

Comic von Olis Cartoons

In dem Jahr, in dem ich nicht getrunken habe, konnte ich nicht davonlaufen. Weder vor meinen Ängsten, noch vor unangenehmen Gefühlen, Situation und Wahrheiten.

Dies war nicht immer einfach, aber es war verdammt befreiend.

2. Ich bin emotional stabiler

Alkohol hat eine Menge kurzweilige Auswirkungen. Wenn wir Alkohol trinken sind wir ungehemmter, direkter, sind redseliger und häufig auch fröhlicher. In Abhängigkeit der konsumierten Menge fühlen wir uns am nächsten Tag ein wenig groggy oder aber auch richtig beschissen.

Doch Alkohol hat auch langfristige Auswirkungen auf unsere Gefühlswelt.

In dem Jahr, in dem nicht getrunken habe, war ich emotional deutlich stabiler. Ich hatte weniger Stimmungsschwankungen und war generell besser gelaunt.

Als ich das einem Freund aus Italien erklärte, meinte er:

„Anchu, das glaub ich dir sofort. Je mehr und je häufiger ich trinke, desto düsterer werden meine Gedanken und desto schlechter fühle ich mich. Manchmal geht es sogar soweit, dass ich, wenn ich viel trinke, das Gefühl habe, leicht depressiv zu sein.“

Leider vergessen wir häufig, dass Alkohol auch langfristige Folgen hat.

3. Alkohol ist eine Droge

Eine der nervigsten Sachen im letzten Jahr war, anderen immer wieder zu erklären, warum ich keinen Alkohol trinke.

Auf jeder Party musste ich mich rechtfertigen. Und wiederholt und mit Nachdruck sagen: „Nein, man, ich mach keine Ausnahme. Und nein, ich werde auch nicht nur einen Shot mit dir trinken.“

Warum muss man sich dafür rechtfertigen, dass man seinen Körper und seinen Geist nicht kaputt macht?

Denn Alkohol ist die Volksdroge schlechthin. 1,77 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren sind in Deutschland alkoholabhängig. Fast 10 Millionen Menschen trinken so viel, dass es riskant für ihre Gesundheit sein kann. Und mindestens 74.000 Menschen sterben pro Jahr an den Folgen ihres Alkoholkonsums.

Alkohol ist so gefährlich, weil er sozialverträglich ist und sein Konsum meist von anderen unterstützt wird. Doch dabei sollten wir eins nicht vergessen: Alkohol ist eine Droge. Eine gefährliche.

4. Dating wird ehrlicher und unkomplizierter

Früher hat für mich – wie für die meisten Menschen – Alkohol zu einem Date dazugehört.

Durch Alkohol ist man weniger gehemmt, fröhlicher und die Stimmung lockert sich. Das hilft, wenn wir dem anderen näher kommen wollen.

Jemanden zum ersten Mal an die Hand zu nehmen, der erste Kuss und auch der erste Sex sind Dinge, die uns häufig Angst machen. Aber keine Sorge, dein Freund und Helfer Alkohol ist zur Stelle!

Im letzten Jahr hatte ich einige Dates. Doch statt mich auf Alkohol zu stützen, habe ich gelernt, meine Ängste zu überwinden und direkter zu sein. Und das hat mein Datingleben um ein Vielfaches einfacher und unkomplizierter gemacht.

5. Partys machen weniger Spaß

Ich werde hier nicht irgendeinen Scheiß erzählen. Ja, man kann auch nüchtern auf Partys Spaß haben.

Aber genauso viel, wie wenn man trinkt?

Scheiße, nein!

Und jeder, der was anderes erzählt, weiß schlichtweg nicht, wie man trinkt. Oder er nimmt Drogen.

Auf der anderen Seite werden die Wochenenden angenehm lang. Selbst wenn ich bis morgens um vier oder fünf Uhr unterwegs war, war ich am nächsten Tag spätestens um elf Uhr wach – und fit.

6. Ich habe viel Geld gespart

Da wir gerade bei Partys waren: In dem Jahr, in dem ich nicht getrunken habe, habe ich verdammt viel Geld gespart. Im Durchschnitt ein paar Hundert Euro im Monat.

Nicht selten habe ich früher einer wilden Nacht 50-80 Euro ausgegeben. Hier ein Drink, dort jemand eingeladen – schwupp, ist die Kohle weg.

Gerade an den Orten, an denen Alkohol und Feiern besonders teuer sind, wie zum Beispiel Ibiza, Hong Kong, Moskau oder Dubai, habe ich in den letzten Jahren verdammt viel Kohle versoffen.

7. Ich sehe besser aus

Ich habe mein Leben lang Sport gemacht und war immer einigermaßen in Form. Aber mein Waschbrettbauch sah noch nie so gut und definiert aus, wie im letzten Jahr. Und das, obwohl ich weniger Sport als je zu zuvor gemacht habe.

Alkohol hat nun mal eine Menge Kalorien. Und diese scheiß Kalorien setzen sich eben genau da an, wo man sie nicht haben will.

Abgesehen von einem flacheren Bauch ist auch meine Haut deutlich reiner geworden. Haare sind mir allerdings nicht nachgewachsen.

8. Sex ist ohne Alkohol besser

Früher hatte ich gerne betrunken Sex. Ich dachte, es wäre intensiver, wilder und hemmungsloser.

Nachdem ich an Neujahr zum ersten Mal seit einem Jahr wieder betrunken Sex hatte, kam es mir langweilig vor.

Ich spürte wenig, konnte das Ganze nicht so richtig genießen und war nicht präsent. Ich hatte das Gefühl, nicht ganz da zu sein und alles nur gefiltert wahrzunehmen.

Mir wurde der Unterschied besonders stark bewusst, weil ich die Frau, mit der ich im Bett war, letzten Herbst kennengelernt hatte und bis zu diesem Abend immer nur im nüchternen Zustand mit ihr Sex hatte.

Wenn man lernt, loszulassen, sich zu entspannen und dem anderen vertraut, ist Sex im nüchternen Zustand viel lustvoller, schöner und intensiver.

9. Komplett auf Alkohol zu verzichten ist nicht schwer

Hast du dir schon mal vorgenommen, weniger zu trinken? Ich auch. Aber es hat meistens nicht funktioniert.

Mit jedem Drink wird die Stimmung lustiger und die Willenskraft kleiner.

Doch komplett auf Alkohol zu verzichten war überraschend einfach. Ich kam nie in Versuchung. Für mich war klar, dass ich ein ganzes Jahr nicht trinken werde.

10. Klarheit

Nach einem heftigen Saufabend ist der nächste Tag meistens im Arsch. Ich bin zum Glück jemand, der am nächsten Tag trotz Kater einigermaßen fit ist. Doch heftiger Kater hin oder her, spätestens am übernächsten Tag ist man wieder fit und klar – oder man denkst es zumindest.

Wenn man Wochen oder sogar Monate lang kein Alkohol trinkt, erhält man eine neue Form von Klarheit.

Man sieht sich selbst und sein Leben in einem anderen Licht und es werden einem Dinge bewusst, die man vorher nicht gesehen hat – oder nicht sehen wollte.

Mit der Zeit gewöhnt man sich an diese Klarheit und wird süchtig danach. Es ist einfach ein verdammt angenehmes Gefühl, immer voll da zu sein und das Gefühl zu haben, der Verstand funktioniert.

Werde ich in Zukunft etwas ändern?

Seit Anfang dieses Jahres trinke ich wieder.

Wieso?

Weil Alkohol auch ein Genussmittel sein kann. Auch habe ich manchmal das Gefühl, dass es meine Kreativität und Inspiration fördert.

Hättest du mich jedoch vor meinem alkoholfreien Jahr gefragt, ob ich mir ein Leben ohne Alkohol vorstellen könnte, hätte ich vermutlich Nein gesagt. Jetzt sehe ich das anders.

Ich weiß nicht, ob ich in nächster Zeit völlig auf Alkohol verzichten werde. Doch das letzte Jahr hat mir die Augen geöffnet und mich nachdenklich gestimmt.

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15 Kommentare
  1. Christian
    Christian says:

    Hallo Anchu,
    Respekt für deine Disziplin. Ich finde deine Experiment und deine Erkenntnisse sehr interessant. Ich habe mir auch schon ein paar überlegt eine Pause einzulegen, aber dann irgendwie doch nie durchgezogen…

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Christian,
      ein Jahr ist auch ganz schon lang. Ich habe in den Jahren davor immer mal wieder einen Monat auf Alkohol verzichtet. Vlt. ist das ja was für dich. In einem Monat merkst du schon viele Vorteile und es ist ein Zeitraum, der ziemlich einfach „machbar“ ist.
      LG

      Antworten
  2. Felix Filgis
    Felix Filgis says:

    Hey Anchu,

    Interessante Erkenntnisse die du da hast. Ich selbst trinke seit geraumer Zeit kaum noch Alkohol, oft auch mehrere Monate keinen. Ein ganzes Jahr hab ich das noch nicht ausprobiert aber ich habe auch schon sehr lange nicht mehr gesoffen oder unter Alkohol Sex gehabt, das letzte mal ist da schon ein paar Jahre her.

    So wie du finde ich es ganz angenehm mal ein Bier oder einen Wein zu trinken, in deinem Artikel kommt es aber so rüber als ob du vorher ein kleiner Alki warst.
    Besser gesagt, da hast du schon bessere Artikel geschrieben 😉

    Antworten
    • Philipp
      Philipp says:

      Könntest du spezifizieren wo es so rüberkommt das Anchu „ein kleiner Alki war“? Ich nehme mal an das in Bangkok ein Bier schon ein halbes Vermögen kostet und man relativ schnell 50 Euro dalassen kann.

      Ich kann nichts lesen von Blackouts oder ähnlichem. Vielleicht weisst du nicht das Anchu’s Vater Alkoholiker war und letztendlich auch an Alkohol zu Grunde ging… Keine Ahnung.

      Aber mit diesem Hintergrundwissen ist doch logisch das Anchu nicht nur die positiven Seiten von Alkohol sieht (die er nebenbei auch im Artikel erwähnt) … sondern den Menschen klar machen will das Alkohol eine Droge ist.

      Und ja… Meiner Meinung nach wird diese Droge verharmlost. Durch die Akzeptanz in Deutschland ist sie nach Tabak Killer Nummer 1 von allen Drogen. Weit vor Kokain und Heroin.

      Wenn du immer alles im Griff hast ist doch toll für dich… Aber wie schon oben beschrieben sterben 78000 Menschen jährlich an dem Zeug.

      Ist zwar kein Artikel der unbedingt nur Friede, Freude, Eierkuchen predigt… Aber gerade darum finde ich ihn stark.

      Antworten
  3. Hristo
    Hristo says:

    Ich trinke sehr selten und sehr wenig Alkohol. Vielleicht das Äquivalent von ca. 4 Bier pro Jahr.
    Es ist aber überhaupt nicht einfach, da viele Leute so tun als ob die beleidigt sind, wenn ich nicht trinken möchte. In Deutschland eher weniger. Aber in Osteuropa ist man echt unter sozialen Druck wenn man nicht trinken will.

    Antworten
  4. Anna
    Anna says:

    Hi Anchu,

    Toller Artikel! Entspricht genau meiner Einstellung. Als Studentin war hatte ich nicht viel Geld und bin ohne trinken feiern gegangen. Draus ist eine Gewohnheit entstanden. Ich trinke heute auch nie wenn ich feiern geh. Brauche ich einfach nicht und ich finde definitiv dass man ohne Alkohol Spass haben kann!
    Das witzige war, diesen Sommer im Urlaub auf Mallorca auf Ballermann war ich die einzige die nichts getrunken hat und keiner hats mir geglaubt, dass ich komplett nüchtern war.
    Ich finde diesen Zwang furchbar, dass wenn man wo rein geht die Freunde immer wieder einen komisch angucken und sagen willst nichts trinken? Und denken dann immer man will kein Geld ausgeben oder sich was gönnen.
    LG
    Anna

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Anna,
      man kann definitiv ohne Alkohol eine Menge Spaß haben. Beim Feiern zu trinken finde ich OK, es ist nur schade, wenn man nicht in Ruhe gelassen wird, wenn man nicht trinkt. Das kann echt nervig sein.
      LG

      Antworten
  5. Elias
    Elias says:

    Hallo Anchu,

    ich habe noch nie in meinem Leben Alkohol getrunken, habe es nie gebraucht. 🙂

    Aber finde es stark von dir, die Leute auf die richtige Bahn zu lenken.

    LG

    Elias

    Antworten
  6. Ivan
    Ivan says:

    Interessanter Artikel, mich interessiert wieso du nach all diesen Erkenntnissen nun doch entschieden hast Alkohol wieder zu trinken. Wäre es nicht einfach ganz un gar aufzuhören?

    Antworten
    • Anchu Kögl
      Anchu Kögl says:

      Hi Ivan,
      steht doch am Ende vom Artikel. Alkohol hat auch positive Seiten (zumindest für mich) und ist ein Genussmittel. Auch bin ich generell kein großer Fan von Extremen – und gar kein Alkohol zu trinken ist für mich ein Extrem.
      LG

      Antworten
  7. Barbara J. Schoenfeld
    Barbara J. Schoenfeld says:

    Hallo Anchu,

    toll dass du dein Experiment geteilt hast und die Erfahrungen aufgeschrieben. Es gibt so viele Menschen, die denken, dass es ohne nicht geht.
    Ich selbst trinke nur als Genuss, wenn ich wirklich mal Lust darauf habe. Da kann es durchaus sein, dass ich mal ein halbes Jahre überhaupt Garnichts trinke und dann zwei Flaschen Rotwein hintereinander.
    Aber es stimmt, es macht wirklich klarer ohne Alkohol – ALLES! Das ist auch meine Erfahrung.

    Herzliche Grüße
    Barbara

    Antworten

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